Archiv für den Monat: März 2020

Twitch-Talk: Corona in der Buchbranche

Am Mittwoch den 1. April (kein Scherz!) ist es soweit: ich halte meine erste Online-Diskussionsrunde zum Thema „Corona in der Buchbranche“ ab. Mein Medium der Wahl ist Twitch, ich bin gespannt, wie das läuft und ob die Technik gut funktioniert. Ihr findet das Gespräch hier auf meinem Kanal.

Meine ersten Gäste sind Diana Menschig, und Björn Bedey.

Diana Menschig ist Romanautorin phantastischer und historischer Romane und die Gründerin und 1. Vorsitzende des Phantastik-Autoren-Netzwerks (PAN) e.V. Diana kann also hervorragend darüber sprechen, wie Corona die Situation der Autorinnen und Autoren betrifft.

Sowie Björn Bedey von der bedey media group und Sprecher der Indie-Verlage im Börsenverein des deutschen Buchhandels.

Nüchternheit

Autos auf den Straßen zeigen eine Betriebsamkeit, die ich so und so schnell noch nicht wieder erwartet hätte. Natürlich ist der Verkehr immer noch kein Vergleich zu vor-Corona-Zeiten, aber eben mehr, als man erwartet hätte.

Die Zahl der Spaziergänger zur sportlichen Betätigung ist eher gesunken als gestiegen, habe ich den Eindruck. Die Fischerinsel ist wie leergefegt. Offenbar nehmen die Menschen das Kontaktverbot ernst, und das ist gut so. Better safe than sorry.

Park auf der Fischerinsel, Berlin.

In der Arbeit im Homeoffice stellt sich Nüchternheit ein. Abstand halten wird zur Gewohnheit. Das verlassene Berlin Mitte ist Normalität. Der Ausnahmezustand schleicht sich langsam aus; was bleibt ist der Stress all der Alltagsdinge, die sich nun zum Krisenmanagement gesellen. Bei mir hat sich an der Fachhochschule die Arbeit durch Corona eher vermehrt als vermindert: nicht nur will Unterricht vorbereitet werden, sondern es will Online-Unterricht vorbereitet werden. Für mich, die ich die Leute die ich unterrichte, gern sehr direkt betreue, bedeutet das Verunsicherung und Mehraufwand in der Vorbereitung.

Die Verbandsarbeit ist großartig und beflügelnd – in der Krise ziehen alle an einem Strang. Doch auch hier wird die Arbeit mehr. Ich schreibe Artikel für die Politik und Kultur sowie für Börsenblatt off- und online, um auf die Situation der Autor*innen hinzuweisen. Die Betreuung der Facebook-Page des Verbands deutscher Schriftstellerinnen und Schriftsteller (VS in ver.di) ist aufwändiger denn je. Im Augenblick heißt es warten auf die Tatsächliche Umsetzung der Hilfsmaßnahmen für Soloselbständige und Freie. Und dann begutachten, bewerten, kritisieren.

Auf dem Spaziergang begegnet uns eine Katze – das erste und letzte Katzenbild, das ich vermutlich je teilen werde – aus Spiegelscherben. Die Katze ist hier und doch nicht hier. Sie schleicht sich heran und bleibt doch unsichtbar. Sie ist greifbar und doch nur ein Konzept. Wunderschön.

Ein Stück Normalität

Spaziergänge zur sportlichen Betätigung in Berlin sind trotz unproblematisch möglich. Die Menschen sind sensibilisiert und halten in der Regel Abstand.

Gleichzeitig tritt in Arbeitsbereichen wieder Normalität ein. Nicht jedes Telefonat ist ein Krisengespräch, nicht jeder Zoomcall oder jedes Teams-Gespräch dreht sich um die Situation des Kontaktverbots und von Corona. Die Gedanken der Menschen wenden sich wieder den Aufgaben zu, denen man auch vor der Pandemie nachging.

Aus der Verlagswelt hört man unterschiedliche Signale. Von Business as usual bis hin zur Absage von Titeln oder der Verlegung von Büchern in Sommer oder Herbst ist alles dabei. Lesungsabsagen sind die Regel – und hier verlieren Bücher auch die Sichtbarkeit. Autor*innen versuchen, mit Twitch, Facetalk und Patreon gegenzusteuern.

Abende werden mit dem Lesen guter Bücher, mit Serien oder mit Artemis-Simulationen gefüllt. Vor Corona haben wir online noch nie alle 6 Stationen besetzt bekommen – jetzt gleich zwei Abende in der Woche. Das Kontaktverbot hat also auch milde Vorteile.

Berlin ist still.

Berlin war noch nie so leer.

Alexanderplatz am Sonntag, den 22.03.2020

Zumindest nicht am Sonntag bei phantastischem Sonnenschein. Sonntagsspaziergang in der Stadt trotz ist problemlos möglich. Der Entschluss der Bundeskanzlerin und der Ministerpräsidenten lautet „Kontaktverbot“ statt „Ausgangssperre“ und ich bin froh darum. Ich möchte mit den Bildern der leeren Stadt übrigens keine Panik oder Apokalypsestimmung auslösen, im Gegenteil – ich freue mich darüber, dass die Menschen vernünftig sind. Sie halten im großen und ganzen Abstand. Sie distanzieren sich körperlich, um niemanden anzustecken.

Galeria Kaufhof-Unterführung am Alex.

Trotzdem bleibt ein merkwürdiges Gefühl zurück. Berlin wirkt wie eine Kleinstadt am Sonntag – es sind vermutlich nur die unmittelbaren Einwohner hier, die sich die Füße vertreten. Ausgang zu Sportzwecken.

Berlin war auch noch nie so still wie in diesen Tagen. Im Hinterhof unserer Wohnung entsteht eine Urlaubsstimmung, als Eltern mit Kindern mit der Schaukel spielen. Die Sonne scheint, die Vögel zwitschern, die Welt wirkt schön und in Ordnung. Ich fühle mich an meine Jugend in den Achzigern in Celle im Garten meiner Mutter erinnert. An die Ruhe eines Sonntags, bevor das Internet erfunden wurde.

Ist das die Entschleunigung, von der sie alle sprechen?

Und plötzlich ist alles anders

Brandenburger Tor bei Nacht und Corona.

Am Wochenende habe ich mit Nina George (Präsidentin des European Writer’s Council) eine Handreichung für Schriftsteller*innen in der Krise geschrieben. Sie entsprang einem Fiebertraum der Aktivität zweier Frauen, die es nicht gewohnt sind, hilflos und tatenlos zuzuschauen, wenn Menschen in Not sind.

Dass die Leipziger Buchmesse abgesagt wird, hätte ein Zeichen sein können. Dass Corona doch nicht nur ein Schnupfen ist. Dass Covid-19 nicht nur in China einen schlimmen Verlauf nehmen kann. Dass sich alles verändern würde.

Kaum zehn Tage später, Mitte März 2020, und plötzlich geschehen Dinge, die man sich in der Bundesrepublik nicht hätte ausmalen können. Geschäfte sind geschlossen, die Bundeskanzlerin hält zum ersten Mal in ihrer langen Regierungszeit eine direkte Ansprache ans Volk.

Ich komme aus einer Phase unfassbarer Aktivität und vieler Reisen für den Verband deutscher Schriftstellerinnen und Schriftsteller (VS in ver.di), für die University of Applied Sciences Europe in Hamburg, für meine Selbständigkeit und einfach aus Spaß zu einem schrillenden Halt. Termine werden abgesagt, Reisen aus Spaß erscheinen plötzlich unklug.

Plötzlich hat der Mensch im eigensten Sinne wieder Vorrang. Nicht die Wirtschaft. Nicht die Globalisierung. Sondern der Mensch und seine Gesundheit. Was zu Zeiten der -Demonstrationen noch undenkbar schien, rückt in greifbare Nähe: dass der Turbo-Kapitalismus nicht alternativlos ist.

Und plötzlich schnellen die Zuschauerwerte der Tagesschau in die Höhe. 43% Marktanteil sind ein Zeichen dafür, dass die Menschen in Krisenzeiten doch zu unterscheiden wissen, was gut präsentierte Nachrichten sind, und was bloß das Hintergrundrauschen der Unterhaltung. Ich bin froh um die Öffentlich-Rechtlichen und ja, auch um den Rundfunkbeitrag.

Ich prüfe beinahe im Stundentakt die Nachrichten, um den Newsticker der Entwicklungen im Auge zu behalten. Zu dem frenetischen Anstieg von Kommunikation gesellt sich die Erkenntnis von zwei merkwürdigen Ruhepolen:

  1. Die AfD ist erstaunlicherweise nicht mehr zu hören. Entweder ich habe meine Facebook-Timeline inzwischen gut kuratiert und alle Verschwörungstheoretiker und Nebelkerzengucker aussortiert, oder die Medien hören ihnen einfach nicht mehr zu. Weil sie unwichtig sind. Weil sie nichts zu sagen haben. Weil sie noch nie etwas zu einer Problemlösung beigetragen haben.
  2. Russland ist verdächtig still. Ein Putin, der uns glauben lassen möchte, dass es in seinem Staat keine Probleme und schon gar kein Corona-Virus gibt. Doch das Schweigen ist besorgniserregend, sagt es doch viel über den Zustand der Nachrichtenvermittlung in Russland aus.

Heute abend dann ertappe ich mich bei etwas Alltag – Arbeit muss gemacht werden, E-Mails geschrieben. Und danach der Blick aus dem Fenster und das Erwachen aus der geistigen Versunkenheit:

Plötzlich ist alles anders.

Ein Jahr ohne Leipziger Buchmesse

Foto von Jannett Cernohuby.

Das Jahr 2020 wird mir wegen vielerlei Dingen im Gedächtnis bleiben. Der Coronavirus spricht für sich, doch noch nie haben mich die Konsequenzen einer Medienhysterie so direkt betroffen.

Im Jahr 2020 fällt die Leipziger Buchmesse aus. Das ist seit den mindestens zwölf Jahren, in denen ich die Messe als Fachbesucherin aufsuche, das erste Mal, dass der Besuch in Leipzig zum Frühjahr fehlt. Während der Schaden, den die Absage in der Branche und in der Region Leipzig beziffert, hoch sein wird, hinterlässt sie in mir eine erstaunlich emotionale Lücke.

Ich halte die Absage als Vorsichtsmaßnahme zur Eindämmung des neuen Coronavirus für klug, besonders, da die Absagen von Verlagen und Ehrengästen aus den USA und Japan sich mehrten. Ein Dominoeffekt trat ein – denn mit diesen Verlagen und Ehrengästen fehlten dann die Partner auf den Veranstaltungen und Podiumsdiskussionen, andere blieben weg. Deutschen Verlagsmitarbeiter*innen wurde freigestellt, ob sie teilnehmen wollten oder nicht – das ist auch kaum anders möglich, schließlich muss jede*r selbst einschätzen, ob man zur Risikogruppe gehört oder nicht. Hinzu kamen die Auflagen der Gesundheitsbehörden, die eine Nachverfolgbarkeit von Infektionen erforderte und auf einer Messe mit beinahe 300000 Besuchern einfach nicht leistbar war.

Die LBM, wie sie unter Liebhaber*innen kurz nur heißt, wurde für mich von Jahr zu Jahr anstrengender. Spätestens mit dem Bundesvorsitz des Verbands deutscher Schriftstellerinnen und Schriftsteller ist die Zahl der Sitzungen und Veranstaltungen, an denen ich vor Ort teilnehme, sprunghaft gestiegen. Und wir hatten mit dem VS und dem Netzwerk Autorenrechte dieses Jahr ein wundervolles Programm, das nun in den Herbst und nach Frankfurt verschoben werden muss.

Doch die Arbeit, die man hineinsteckt, wird vielfach belohnt. Ich kann den Zustand, in dem die Leipziger Buchmesse – und speziell diese – mich jedes Jahr hinterlassen hat, nur schwer in Worte fassen.

Zu wenig Schlaf, Rücken und Füße maximalzerstört, in der Regel zu viel Alkohol, in 9 von 10 Fällen mit der Messeseuche vergrippt. Und doch befruchtet der Austausch mit so vielen kreativen Menschen die Synapsen, beschwingt sie auf eine Art und Weise, dass man sich hinterher frohgemut an jedes Buch oder jeden Text, den man auf dem Tisch hat, setzt, drei neue anfängt und sich darüber ärgert, dass der Tag noch immer nur 24 Stunden umfasst.

Besonders die Phantastik-Szene, und damit das Phantastik-Autoren-Netzwerk (PAN) e.V. trugen in den letzten Jahren zu diesem Austausch bei, doch immer mehr durchmischen sich die verschiedenen Sparten der Literatur und gehen offen aufeinander zu – was auch dem Netzwerk Autorenrechte zu verdanken ist. Der Schmelztiegel aus Ideen, Freundlichkeit, Netzwerk-Gelegenheiten und angestoßenen Projekten, den Leipzig in der Regel hinterlässt, ist mindestens ebenso ein Motor der Branche wie die Business-Seite der Messe.

Besonders für Autor*innen und ihre Kleinverlage ist das Fehlen des Messeumsatzes dieses Jahr ein Problem. 2019 kostete mit der Pleite von KNV sowie der Auslistung vieler Titel von Kleinverlagen durch Libri bereits viele ihren finanziellen Puffer.

Eine Übersprungshandlung, die vom Phantastik-Autoren-Netzwerk PAN ausgelöst wurde, ist ücherhamstern. In dieser Initiative werden jene verhinderten Besucher*innen und mögliche Kund*innen der Messe aufgefordert, das Geld, das sie in Bücher hätten investieren wollen, nun per Online-Bestellung direkt in die Bücher von Kleinverlagen zu stecken. U.a. die Süddeutsche und der rbb berichteten. Der Börsenverein sammelte in einem Artikel weitere Initiativen, um den Schaden für die Branche zu minimieren.

Bislang war mir nicht bewusst, wie schmerzhaft die Absage tatsächlich sein würde, und wie lange es braucht, um diese Lücke zu füllen. Ich freue mich um so mehr und mit wachsendem Elan auf die Frankfurter Buchmesse sowie die Leipziger Buchmesse 2021.