Schlagwort-Archive: Verband deutscher Schriftstellerinnen und Schriftsteller (VS in verdi)

Der fatale Egoismus der Menschen

Die Hilfen für Soloselbständige und kleine Firmen sind da. Ernüchterung tritt auch hier ein. In vielen Bundesländern außer z.B. Hamburg und Berlin fallen Soloselbständige durchs Raster. Viele Länder gestatten die Beantragung der Unterstützung nicht für Einkommensausfälle, sondern nur für Betriebskosten wie Personal, Ladenmieten etc. Künstler*innen müssen also hartzen gehen, wenn sie die Miete nicht mehr bezahlen können.

Die Nachricht eines Bekannten ist niederschmetternd: offenbar empfehlen Steuerberater*innen ihren Kund*innen jetzt, die Hilfen auch dann für künstlerische Nebentätigkeiten zu beantragen, wenn sie das Geld nicht fürs Überleben benötigen.

Da draußen kämpfen Schriftsteller*innen, Verlagsleiter*innen kleiner inhabergeführter Verlage, Buchändler*innen ums Überleben, und gut abgesicherte Normalverdiener*innen ohne Gefährdung beantragen Hilfsgelder aus dem Notfallfonds? Ein bisschen Solidarität in Zeiten der größten finanziellen Krise seit dem zweiten Weltkrieg wäre zu wünschen. 

Durch diese Krise kommen wir bei allem Egoismus nicht allein, sondern nur gemeinsam. Wer da das finanzielle Pölsterchen auf dem Konto noch ein bisschen aufstockt, während andere Menschen nicht wissen, wie sie ihre Miete zahlen sollen, gehört in eine ganz besondere Hölle.

Die Länder verändern beständig die Bedingungen, zu denen beantragt worden ist. Hier ist angeraten, dass man zum Zeitpunkt des Antrags die Bedingungen per Screenshot dokumentiert und speichert, um später nachweisen zu können, was man unterschrieben hat.

Doch eine Nachbesserung für Freie und Soloselbständige Autor*innen ist unabdingbar, mit dem VS fordern wir das bereits.

Die Landesvorsitzende des VS NRW, Sabine Lipan, drückt das in ihrem Protestbrief sehr treffend aus: „auf unseren Schultern stehen 9,18 Milliarden Euro Umsatz im Jahr im Buchbetrieb; 80.000 Kernbeschäftigte in der Buchbranche sind angestellt, weil wir frei und oft für Cent-Beträge an Beteiligung pro Buch das herstellen, was sie anschließend verarbeiten und verkaufen; auf freien Kulturschaffenden insgesamt ohne Betriebskosten stehen 100,5 Milliarden Bruttowertschöpfung„.

Besser kann man kaum formulieren, dass die Unterstützung von Bund und Ländern hier gerade an einer Berufsgruppe vorbeigeht, die den Motor der deutschen Buchindustrie darstellt.

Twitch-Talk: Corona in der Buchbranche

Am Mittwoch den 1. April (kein Scherz!) ist es soweit: ich halte meine erste Online-Diskussionsrunde zum Thema „Corona in der Buchbranche“ ab. Mein Medium der Wahl ist Twitch, ich bin gespannt, wie das läuft und ob die Technik gut funktioniert. Ihr findet das Gespräch hier auf meinem Kanal.

Meine ersten Gäste sind Diana Menschig, und Björn Bedey.

Diana Menschig ist Romanautorin phantastischer und historischer Romane und die Gründerin und 1. Vorsitzende des Phantastik-Autoren-Netzwerks (PAN) e.V. Diana kann also hervorragend darüber sprechen, wie Corona die Situation der Autorinnen und Autoren betrifft.

Sowie Björn Bedey von der bedey media group und Sprecher der Indie-Verlage im Börsenverein des deutschen Buchhandels.

Nüchternheit

Autos auf den Straßen zeigen eine Betriebsamkeit, die ich so und so schnell noch nicht wieder erwartet hätte. Natürlich ist der Verkehr immer noch kein Vergleich zu vor-Corona-Zeiten, aber eben mehr, als man erwartet hätte.

Die Zahl der Spaziergänger zur sportlichen Betätigung ist eher gesunken als gestiegen, habe ich den Eindruck. Die Fischerinsel ist wie leergefegt. Offenbar nehmen die Menschen das Kontaktverbot ernst, und das ist gut so. Better safe than sorry.

Park auf der Fischerinsel, Berlin.

In der Arbeit im Homeoffice stellt sich Nüchternheit ein. Abstand halten wird zur Gewohnheit. Das verlassene Berlin Mitte ist Normalität. Der Ausnahmezustand schleicht sich langsam aus; was bleibt ist der Stress all der Alltagsdinge, die sich nun zum Krisenmanagement gesellen. Bei mir hat sich an der Fachhochschule die Arbeit durch Corona eher vermehrt als vermindert: nicht nur will Unterricht vorbereitet werden, sondern es will Online-Unterricht vorbereitet werden. Für mich, die ich die Leute die ich unterrichte, gern sehr direkt betreue, bedeutet das Verunsicherung und Mehraufwand in der Vorbereitung.

Die Verbandsarbeit ist großartig und beflügelnd – in der Krise ziehen alle an einem Strang. Doch auch hier wird die Arbeit mehr. Ich schreibe Artikel für die Politik und Kultur sowie für Börsenblatt off- und online, um auf die Situation der Autor*innen hinzuweisen. Die Betreuung der Facebook-Page des Verbands deutscher Schriftstellerinnen und Schriftsteller (VS in ver.di) ist aufwändiger denn je. Im Augenblick heißt es warten auf die Tatsächliche Umsetzung der Hilfsmaßnahmen für Soloselbständige und Freie. Und dann begutachten, bewerten, kritisieren.

Auf dem Spaziergang begegnet uns eine Katze – das erste und letzte Katzenbild, das ich vermutlich je teilen werde – aus Spiegelscherben. Die Katze ist hier und doch nicht hier. Sie schleicht sich heran und bleibt doch unsichtbar. Sie ist greifbar und doch nur ein Konzept. Wunderschön.

Ein Jahr ohne Leipziger Buchmesse

Foto von Jannett Cernohuby.

Das Jahr 2020 wird mir wegen vielerlei Dingen im Gedächtnis bleiben. Der Coronavirus spricht für sich, doch noch nie haben mich die Konsequenzen einer Medienhysterie so direkt betroffen.

Im Jahr 2020 fällt die Leipziger Buchmesse aus. Das ist seit den mindestens zwölf Jahren, in denen ich die Messe als Fachbesucherin aufsuche, das erste Mal, dass der Besuch in Leipzig zum Frühjahr fehlt. Während der Schaden, den die Absage in der Branche und in der Region Leipzig beziffert, hoch sein wird, hinterlässt sie in mir eine erstaunlich emotionale Lücke.

Ich halte die Absage als Vorsichtsmaßnahme zur Eindämmung des neuen Coronavirus für klug, besonders, da die Absagen von Verlagen und Ehrengästen aus den USA und Japan sich mehrten. Ein Dominoeffekt trat ein – denn mit diesen Verlagen und Ehrengästen fehlten dann die Partner auf den Veranstaltungen und Podiumsdiskussionen, andere blieben weg. Deutschen Verlagsmitarbeiter*innen wurde freigestellt, ob sie teilnehmen wollten oder nicht – das ist auch kaum anders möglich, schließlich muss jede*r selbst einschätzen, ob man zur Risikogruppe gehört oder nicht. Hinzu kamen die Auflagen der Gesundheitsbehörden, die eine Nachverfolgbarkeit von Infektionen erforderte und auf einer Messe mit beinahe 300000 Besuchern einfach nicht leistbar war.

Die LBM, wie sie unter Liebhaber*innen kurz nur heißt, wurde für mich von Jahr zu Jahr anstrengender. Spätestens mit dem Bundesvorsitz des Verbands deutscher Schriftstellerinnen und Schriftsteller ist die Zahl der Sitzungen und Veranstaltungen, an denen ich vor Ort teilnehme, sprunghaft gestiegen. Und wir hatten mit dem VS und dem Netzwerk Autorenrechte dieses Jahr ein wundervolles Programm, das nun in den Herbst und nach Frankfurt verschoben werden muss.

Doch die Arbeit, die man hineinsteckt, wird vielfach belohnt. Ich kann den Zustand, in dem die Leipziger Buchmesse – und speziell diese – mich jedes Jahr hinterlassen hat, nur schwer in Worte fassen.

Zu wenig Schlaf, Rücken und Füße maximalzerstört, in der Regel zu viel Alkohol, in 9 von 10 Fällen mit der Messeseuche vergrippt. Und doch befruchtet der Austausch mit so vielen kreativen Menschen die Synapsen, beschwingt sie auf eine Art und Weise, dass man sich hinterher frohgemut an jedes Buch oder jeden Text, den man auf dem Tisch hat, setzt, drei neue anfängt und sich darüber ärgert, dass der Tag noch immer nur 24 Stunden umfasst.

Besonders die Phantastik-Szene, und damit das Phantastik-Autoren-Netzwerk (PAN) e.V. trugen in den letzten Jahren zu diesem Austausch bei, doch immer mehr durchmischen sich die verschiedenen Sparten der Literatur und gehen offen aufeinander zu – was auch dem Netzwerk Autorenrechte zu verdanken ist. Der Schmelztiegel aus Ideen, Freundlichkeit, Netzwerk-Gelegenheiten und angestoßenen Projekten, den Leipzig in der Regel hinterlässt, ist mindestens ebenso ein Motor der Branche wie die Business-Seite der Messe.

Besonders für Autor*innen und ihre Kleinverlage ist das Fehlen des Messeumsatzes dieses Jahr ein Problem. 2019 kostete mit der Pleite von KNV sowie der Auslistung vieler Titel von Kleinverlagen durch Libri bereits viele ihren finanziellen Puffer.

Eine Übersprungshandlung, die vom Phantastik-Autoren-Netzwerk PAN ausgelöst wurde, ist ücherhamstern. In dieser Initiative werden jene verhinderten Besucher*innen und mögliche Kund*innen der Messe aufgefordert, das Geld, das sie in Bücher hätten investieren wollen, nun per Online-Bestellung direkt in die Bücher von Kleinverlagen zu stecken. U.a. die Süddeutsche und der rbb berichteten. Der Börsenverein sammelte in einem Artikel weitere Initiativen, um den Schaden für die Branche zu minimieren.

Bislang war mir nicht bewusst, wie schmerzhaft die Absage tatsächlich sein würde, und wie lange es braucht, um diese Lücke zu füllen. Ich freue mich um so mehr und mit wachsendem Elan auf die Frankfurter Buchmesse sowie die Leipziger Buchmesse 2021.