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Das Undenkbare wird denkbar

Sonst bin ich unterwegs.

Diese Aussage kann man eigentlich pauschal für sich stehen lassen, denn sie gilt beinahe immer. Besonders aber gilt sie für lange Wochenenden wie Ostern, die man hervorragend für Veranstaltungen, Besuche bei Freund*innen oder Verwandten nutzen kann.

Dieses Jahr bin ich zum ersten Mal seit einer gefühlten Ewigkeit Ostern wieder zuhause. Nicht in Hannover bei Freunden und Kommilitonen zum Osterbrunch. Nicht bei meiner Familie in Celle. Nicht bei seiner Familie in Siegen.

Die durch Corona erzwungene Zeit zuhause macht mich langsam unruhig. Sonst benötige ich einen Tapetenwechsel mindestens alle drei Wochenenden; nun bricht seit dem Kontakt- und Reiseverbot Woche fünf an, ohne, dass ich unterwegs bin.

Wohin auch? Sämtliche Veranstaltungen, an denen ich teilnehmen könnte, sind bis auf Wochen abgesagt. Termine, bei denen es bis vor wenigen Wochen noch undenkbar gewesen wäre zu fehlen (nicht, weil sie wirtschaftlich notwendig wären, sondern weil man sich selbst diese Auflagen auferlegt), finden einfach nicht statt.

Das Undenkbare wird denkbar, einfach so.

Mir hilft gegen die Rastlosigkeit tatsächlich, dass all diese Termine einfach gar nicht stattfinden. Die unbequeme Wahrheit dahinter ist das sogenannte FOMO-Syndrom – „fear of missing out“. Und die Erkenntnis, dass viele der Treffen nun via Skype und Zoom stattfinden. Das spart mir rund 200-300 Euro im Monat an Fahrtkosten, die der Deutschen Bahn nun fehlen.

Und ich ertappe mich des öfteren bei dem Gedanken, dass wir mehr darüber reflektieren müssen, was für uns denkbar ist und was nicht. Wir haben es selbst in der Hand.

So lernt man aus der Krise.

Berlin ist still.

Berlin war noch nie so leer.

Alexanderplatz am Sonntag, den 22.03.2020

Zumindest nicht am Sonntag bei phantastischem Sonnenschein. Sonntagsspaziergang in der Stadt trotz ist problemlos möglich. Der Entschluss der Bundeskanzlerin und der Ministerpräsidenten lautet „Kontaktverbot“ statt „Ausgangssperre“ und ich bin froh darum. Ich möchte mit den Bildern der leeren Stadt übrigens keine Panik oder Apokalypsestimmung auslösen, im Gegenteil – ich freue mich darüber, dass die Menschen vernünftig sind. Sie halten im großen und ganzen Abstand. Sie distanzieren sich körperlich, um niemanden anzustecken.

Galeria Kaufhof-Unterführung am Alex.

Trotzdem bleibt ein merkwürdiges Gefühl zurück. Berlin wirkt wie eine Kleinstadt am Sonntag – es sind vermutlich nur die unmittelbaren Einwohner hier, die sich die Füße vertreten. Ausgang zu Sportzwecken.

Berlin war auch noch nie so still wie in diesen Tagen. Im Hinterhof unserer Wohnung entsteht eine Urlaubsstimmung, als Eltern mit Kindern mit der Schaukel spielen. Die Sonne scheint, die Vögel zwitschern, die Welt wirkt schön und in Ordnung. Ich fühle mich an meine Jugend in den Achzigern in Celle im Garten meiner Mutter erinnert. An die Ruhe eines Sonntags, bevor das Internet erfunden wurde.

Ist das die Entschleunigung, von der sie alle sprechen?