Leipziger Buchmesse 2017 – warum wir einen neuen Diskurs in der Literatur brauchen

Die Leipziger Buchmesse 2017 ist vorbei, und wie immer trägt sie mich auf einer Welle der Motivation und Begeisterung zurück in den Arbeitsalltag. Als einsame Autorin sucht und nutzt man den seltenen Kontakt zu Kollegen, informiert sich, netzwerkt, plauscht und feiert miteinander.

Dieses Jahr war ich mit dem Phantastik-Autoren-Netzwerk (PAN) e.V. das erste mal auch tatsächlich hauptverantwortliche Ausstellerin. Die Leipziger Buchmesse ermöglichte uns, die Autorenlounge, die von Werkzeugs Kreativ KG ins Leben gerufen worden ist, weiterzuführen (wie an anderer Stelle berichtet).

Der Stand war groß und auf zwei Seiten abgeschirmt, so dass er ausreichend Privatsphäre bot. Wir bestückten ihn mit selbstbedienbaren Kaffeemaschinen und genug Gummibärchen und Keksen, um eine kleine Armee auszurüsten. Es hat gerade so eben gereicht.

Die Lounge bot Autorinnen und Autoren, Agenturmenschen, Selfpublishern, Lektorinnen und Lektoren abseits einer Mitgliedschaft bei uns ein Refugium in der wilden Messelandschaft. Gleichzeitig konnten Leserinnen und Leser stets an den Stand kommen und schauen, ob ihr/e Lieblingsautor/in vor Ort ist und Zeit für ein Autogramm hatte.

Dank der zahlreichen engagierten Helfer aus den Reihen des Vereins lief die Versorgung wie am Schnürchen, und auch wenn wir alle auf einem Auge weinten, dass WerkZeugs nicht dabei war, erhielten wir regen Zuspruch von den Anwesenden.

Kaum zwei Tage zu Hause dann geriert sich leider wieder ein humorloser Literat über die Anwesenheit der Manga-Cosplayer vor Ort. Was ich von seiner Sichtweise halte, habe ich an anderer Stelle bei TOR-Online geschrieben.

Was mich an Herrn Ottes Artikel so traurig macht, ist die Tatsache, dass er Kulturredakteur beim SüdWestRundfunk ist. Leider scheint er mehr in althergebrachter Manier davon auszugehen, dass man in einer solchen Position definiert, was Kultur ist, was richtige und was falsche Kultur ist. Statt froh zu sein, dass gelesen wird und dieses Gelesene so inspiriert, dass es gelebt wird.

Glücklicherweise äußerten sich nicht nur die Leipziger und die Frankfurter Buchmesse in einem Statement zugunsten der Vielfalt auf der Messe, auch der Spiegel Online griff meine Kritik auf.

Denn was Herr Otte da für Argumente bringt, um die ungeliebten Cosplayer aus den würdigen Hallen der Bücher zu vertreiben, kann sehr schnell auch als Argument gegen Fantasy, Science Fiction, Steampunk, Liebesroman vorgebracht werden.  Fakt ist: Literatur auf allen Ebenen der „Ernsthaftigkeit“ erreicht verschiedene Gruppen von Lesern. Sich auf den Standpunkt zurückzuziehen, nur die oberste und komplexeste Schicht davon sei respektabel und repräsentationswürdig, reduziert auch den Diskurs in Deutschland auf diese elitäre Schicht.

Dieses Beispiel macht deutlich, dass wir einen neuen Diskurs über Literatur und Kultur benötigen. Das Belächeln und Verspotten von weniger „ernsthaften“ Erzählformen, die doch eine kulturell wichtige Leistung vollbringen, indem sie die wichtigen Themen leichtfüßig auch dann in die Wohnungen der Menschen tragen, wenn die gerade keine Kraft für schwere Literatur haben, erzeugt einen Disconnect in der Gesellschaft.

Die Vereinnahmung der Narrative durch rechte Populisten zeigt, dass man den Menschen dort begegnen muss, wo sie leben, wohnen atmen. Der Elfenbeinturm bringt uns da nicht weiter.  Ansonsten ist der Kampf um die Vielfalt in unserer Gesellschaft bereits verloren gegeben.

2 Gedanken zu „Leipziger Buchmesse 2017 – warum wir einen neuen Diskurs in der Literatur brauchen

  1. Wie schon der Rant bei Tor ein sehr gelungener Beitrag. Besonders der letzte Absatz macht deutlich, wie wichtig die Vielfalt (auch) auf solchen Veranstaltungen ist. Compact und Co. drängen sich in den öffentlichen Raum, wo sie eigentlich besonders wenig zu suchen haben. Denn vor allem Anderen steht Literatur doch genau dafür: Vielfalt. Danke für den Artikel!

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