Der Kaufmann

(ungekürzt)

Der Weg von der Braunstraße hinüber zum Holstentor war nicht lang, doch der junge Kaufmann Wolfram Bretenau fluchte bei jedem einzelnen Schritt. Er verfluchte die Sonne, die jeden Schritt zu einer Qual werden ließ und die Trave unter der Holstenbrücke in einen stinkenden Moloch verwandelte. Er verfluchte das laue Lüftchen, das den Gestank dann auch noch durchrührte und durch die ganze Stadt trug. Mehr als alles andere aber verfluchte er seinen Brotherren Anton Oldesloe, der ihm schon wieder den Auftrag gegeben hatte, den Bestand der alten Heringshäuser auf der anderen Uferseite der Obertrave zu überprüfen. Dabei handelte es sich um zwei von neun Holzhäusern, in denen üblicherweise Heringe, neuerdings aber mehr und mehr Salz gelagert wurde, da der Handel mit Salzheringen stetig zurückging. Oldesloe glaubte nun, dass von den Heringsfässern, die hier eingelagert waren, größere Mengen verschwanden. Daher musste der Bestand einmal die Woche durchgezählt werden.
Schon letzte Woche hatte Wolfram sich beim Zählen vor Langeweile beinahe aus der Kranluke des Heringshauses gestürzt, in dem Oldesloes Heringe eingelagert waren. Der unerträgliche Gestank der eingesalzenen Fische unter der sengenden Sonne, die salzschwangere Luft, die Augen und Nasenlöcher verkrustete, sowie Fässer über Fässer über Fässer, die man durchzuzählen, sorgfältig zu notieren und erneut durchzuzählen hatte, machten diesen Auftrag zu einem der übelsten, den Lübeck diesen Sommer zu bieten hatte. Wolfram konnte sich keine schlimmere Beschäftigung vorstellen – höchstens das Schieben der Leichenkarren mit den Pestopfern vielleicht. Wozu hatte er denn jüngst seine Gesellenprüfung gemacht? Warum hatte er denn den Aufnahmeritus in die Kompagnie der Bergenfahrer über sich ergehen lassen? In einem Holzfass in die Trave gerollt zu werden, während selbiges mit feuchten Tauenden gepeitscht wurde, war kein Zuckerschlecken gewesen, so viel war klar! Wolfram spürte die Blauen Flecken noch immer. Und hinterher hatte er sich anhören müssen, er sei weinerlich! So ein Unfug – der Herr Oldesloe hatte selbst gesagt, man hätte Wolframs Fass höher am Hang aufgestellt als je eines zuvor, und es seien auch mehr Peitscher gewesen als sonst. Und da nannten sie ihn weinerlich!
Am anderen Traveufer angelangt stapfte Wolfram Bretenau mit seiner Holzlaterne durch das ausgedorrte Gras hinüber zu den vor Alter bereits schief stehenden Heringshäusern. Der Gestank war selbst für einen eingefleischten Städter wie ihn beinahe unerträglich. Zwar wurde der Hering mit Salz haltbar gemacht, doch es gab immer wieder Beweise der hastigen oder schlampigen Arbeit der Leute in Schonen – dann nämlich, wenn der Fisch bereits gammelig war, bevor er verarbeitet wurde, oder durch zu wenig Salz beim Einlegen. Und es gab keinen entsetzlicheren Geruch auf der Welt als alten Fisch, fand Wolfram, während er ein Würgen unterdrückte. Trotzdem näherte er sich der nördlichen Seitentür des obersten Hauses, in dem sein Herr die Ware lagern ließ. Bevor er den Schlüssel in das neue Schloss steckte – so weit war es inzwischen gekommen, dass man den Salzhering einschließen musste wie einen Kirchenschatz! – sah sich Wolfram um, ob nicht vielleicht gerade Schauerleute anderer Kaufleute Häuser beluden. Ein Schwätzchen vor der üblen Arbeit käme ihm nun gerade Recht; vielleicht gar ein Schluck Bier … Doch er sah niemanden. Er ärgerte sich über die Holzbalken, die man im Frühjahr auf die Uferseite des Hauses gelegt hatte, das stets so weich und morastig war, dass man darin kaum verladen konnte. Nur jetzt, im Hochsommer, war das Ufer knochentrocken und die Balken dort völlig überflüssig. Wolfram erinnerte sich vage, dass das Wegschaffen im Frühjahr mit zu seinen Pflichten gehört hatte. Natürlich nicht persönlich, doch er hatte die Arbeiten einleiten und beaufsichtigen sollen. Er zuckte mit den Schultern. Offenbar hatte er das vergessen. Nun konnte man die dicken Balken auch gleich für den Herbst und Winter liegen lassen. Er wusste sowieso nicht genau, wofür das Hin und Her nötig war. Die Schauerleute konnten im Sommer beim Ein- und Ausladen der Heringsfässer doch sicher auch mal über ein paar Balken steigen!
Er ließ seinen Blick schweifen und sah auf das alte Holstentor mit dem Fachwerkaufbau, über das sein Herr sich stets so erregte. Der war der Meinung, man müsse ein neues, sichereres und vor allem repräsentativeres Tor an der Holstenbrücke bauen. Dafür versuchte Oldesloe seit Jahren genug Gelder aufzubringen und hatte sogar großspurig in seinem Testament verfügt, dass ein großer Teil seines Erbes in den Bau eines solchen Portals fließen möge. Der junge Kaufmann hielt das für eine pure Verschwendung von Geld und Mühen. Das alte Tor tat es doch, und Christian, der Dänenkönig, war vor ein, zwei Jahren zu einem Freundschaftsbesuch in der Stadt gewesen, so dass es nicht einmal ansatzweise nach Krieg aussah.
In der Nähe erklang ein dumpfes Poltern. Hoffnungsvoll wandte sich Wolfram wieder den Heringshäusern zu. Vielleicht war ja doch jemand da, mit dem man den Krug teilen konnte?
“Hallo?” rief er. “Jemand da?” Er erhielt keine Antwort. Zum etlichen Male heute fluchte Wolfram Bretenau, band sich ein Tuch vor den Mund, drehte den Schlüssel im Schloss und betrat mit seiner Laterne die stinkende dunkle Fischhöhle, wie er diese Speicher bei sich nannte.
Das Holz bog sich unter der Last des Daches und Fässer über Fässer stapelten sich hier im Erdgeschoss. Dazwischen blieb kaum so viel Raum, dass man sich hindurchdrängen konnte. Wolframs Kohlemarkierungen von der Zählung der letzten Woche waren noch deutlich zu sehen und würden ihn gehörig durcheinander bringen, wenn er dasselbe System benutzte. Also musste er sich wohl oder übel ein anderes ausdenken. Wenn er diese Sisyphos-Arbeit denn überhaupt ausführen wollte. Wolfram kam eine Idee. Statt in Gestank und Staub herumzukriechen und jedes einzelne Fass zu markieren, konnte er genauso gut hier unten Kohlestriche an die Fässern machen, so dass man deutlich eine zweite Zählung sah. In den hinteren Bereichen und oben, wo weniger Fässer standen, konnte er sich die Mühen dann sparen, dort würde Oldesloe sowieso nicht nachschauen. Dieser Gedanke gefiel Wolfram Bretenau sehr viel besser als die Aussicht, den ganzen Tag lang unter sengender Hitze zu schuften.
Plötzlich schallte vom Speicherboden ein neuerliches Poltern herunter und riss den jungen Kaufmann aus seinen Gedanken. Die beiden Holzhäuser waren miteinander verbunden, doch übersichtlich war der Stauraum nicht. Wolfram spähte die Bodenluke hoch, durch die auch die Seilwinde herunterbaumelte. Damit konnte man die eingelagerten Fässer herunterlassen, um sie auf Wagen zu verladen. Doch oben herrschte nur Dunkelheit. Das Seil schwang leise knarrend vor sich hin, und dem Kaufmann wurde mulmig zumute. Er wollte hier unten nicht in der spärlich beleuchteten Speicherhalle arbeiten, während oben wer weiß was auf ihn lauerte. Also nahm er seine Laterne und machte sich auf zu der steilen Stiege. Dort oben könnte er dann gleich ein wenig Licht hereinlassen, um den Speicher zu erhellen und seine Markierungen auf einigen der vordersten Fässer anzubringen, für den Fall, dass Oldesloe seine Arbeit dort überprüfen würde.
Die Stiege gab bedenkliche Seufzer von sich, als Wolfram sie belastete, doch das tat sie, solange er sich erinnern konnte. Er hielt die Laterne vor und steckte den Kopf durch die Luke. Oben auf dem Boden war es noch finsterer als unten, wo wenigstens die Tür ein wenig Sonnenlicht herein ließ. Er erahnte die Stelle, wo die Ziehhaken, mit denen man am Kran baumelnde Fässer hereinzog, an langen Stangen neben Stemmeisen und Hämmern standen.
“Hallo?” fragte der Kaufmann, doch die muffige Stille schwieg. Also stieg er auf den knarrenden Boden und leuchtete hinter ein paar Fässer. Vielleicht hatte sich ja eine Katze hier einsperren lassen und krepierte hier nun? Das würde den Geruch nicht unbedingt verbessern. Doch zunächst einmal brauchte er mehr Licht. Er stellte die hölzerne Laterne auf eines der Fässer und fingerte an dem rostigen Riegel des Ladens unter dem Lastkran, mit dem man von der Flussseite aus den Dachboden beladen konnte. Schließlich rüttelte er an dem Riegel, von dem große Roststücke abbröckelten.
Wieder war ein dumpfes Geräusch zu hören. Nun wurde Wolfram ganz anders zumute. Er zerrte an dem Riegel, ohne sich darum zu scheren, dass der Rost in seinen Handballen schnitt, während er sich nach hinten umsah. Dort grinste schwärzer als das Halbdunkel hier der Durchgang auf den Dachboden des verbunden Holzhauses. Der Kaufmann wünschte sich, er hätte einen der Ziehhaken oder wenigstens einen Hammer gegriffen, um sich verteidigen zu können. Vielleicht wollten ihm die Brüder der Bergenfahrer-Kompagnie ja noch einmal einen tüchtigen Schrecken einjagen? Der Gedanken bereitete Wolfram Schwierigkeiten, sein Wasser zu halten, wie damals, als er in dem rollenden Fass beinahe zertrümmert worden war.
Mit einem letzten, lauten Wimmern riss er den Riegel auf und stieß endlich die beiden Läden der fast mannshohen Dachluke auf, die im Giebel des Heringshauses gen Lübeck mit Sankt Peter und zur nahen Holstenbrücke blickte. Dort sah er das alltägliche Treiben in die Stadt hinein und hinaus, das seit Ausbruchs der Pest von einem stetigen Strom zu einem Tröpfeln versiegt war. Irrte er sich, oder ging dort auf der Brücke die bullige Gestalt seines Herren, Anton Oldesloe? War der Mann gekommen, seine Arbeit zu überwachen?
Bei Tageslicht betrachtet wirkte der Boden des Hauses gleich weniger erschreckend als eben noch bei Dunkelheit. Wolfram Bretenau lacht leise über seine Schreckhaftigkeit. Vielleicht hatten seine Kompagnie-Brüder ja Recht – vielleicht war er ja wirklich ein wenig weinerlich. Zumindest konnte er sich nicht vorstellen, dass Oldesloe persönlich wie ein eingeschüchtertes Weib durch das Heringshaus schlich und Schatten hinterherjagte. Vermutlich hatte es sich bei dem Gepolter um eine Katze gehandelt, nichts weiter. Er war so froh, dass das Tageslicht nun hereinfiel und die Dunkelheit vertrieb. “Weinerlich”, lachte Wolfram noch einmal und drehte sich um.
Er schrak zurück, als er hinter sich einen kleinen, schmalen Mann im Ornat eines Priesters sah, der ihn mit entschlossener Miene anblickte. Die Kapuze, die er offenbar über dem Gesicht getragen hatte, war zurückgerutscht, denn der weite Stoff war an einem Holzsplitter hängen geblieben und hielt den Priester am Hals zurück. Dies allein war auch der Grund, warum Wolfram Bretenau noch lebte. Auf den zweiten Blick sah der Kaufmann einen der Ziehhaken, die in der Nähe der Stiege an der Wand gelehnt hatten – dort, wo die Tür zu dem anderen Boden lag. Die lange Stange mit dem spitzen Haken am Ende ragte in seine Richtung, ja von der schwingenden Bewegung des Mannes zu urteilen musste sie ihn eben nur knapp verfehlt haben. Wolfram sah dem Mann wieder ins Angesicht.
“Pater Nikolaus?” fragte er ungläubig. “Was zum –”, doch weiter kam er mit seiner gotteslästerlichen Frage nicht. Der Pater hatte die Stange wieder unter Kontrolle und legte sie erneut auf Wolfram an, doch nicht, um ihn heranzuziehen, sondern um ihn wegzustoßen. Und dieses Mal traf er. Der Kaufmann versuchte noch eine unbeholfene Bewegung, um aus dem Weg zu springen, doch sein Fleisch wollte nicht so schnell wie sein Geist.
“Herr!” jaulte Wolfram langgezogen, als er den Boden unter den Füßen verlor und fiel. Trotz des schwerelosen Gefühls in seinem Magen hoffte er, der weiche Untergrund des Ufers würde seinen Sturz abfedern, damit er sich aufrappeln und weglaufen konnte. Doch der Aufprall war hart und schmerzhaft, und sein Kopf fühlte sich an, als würde er explodieren. Die Holzbalken! Etwas knackte, doch Wolfram brauchte einige Augenblicke, um zu begreifen, dass das vermutlich sein Rückgrat gewesen war. Er war auf die Holzbalken gefallen, die hier im Frühling im Abstand von etwa ein bis zwei Ellen als Gehhilfe für die Schauerleute in den morastigen Grund gelegt worden waren. Wäre er doch nur aufmerksamer und sorgfältiger gewesen! Hätte er doch nur rechtzeitig daran gedacht, die Holzbalken aus dem Weg schaffen zu lassen!
Wolfram versuchte, seine Arme zu bewegen, doch die wollten ihm nicht gehorchen. Er versuchte, den Kopf zu heben, doch alles, was ihm gelang, war ein mühseliges Augenzwinkern. Wenn er es genau bedachte, spürte er seinen Körper kaum noch. Nur der Geruch von Urin übertönte selbst Gestank von Heringen und Uferschlamm. Er hatte sich benässt.
Als sich Schritte näherten, ahnte Wolfram, dass sie nicht Gutes verhießen. Der einzige Mensch in der Nähe war jener, der ihn eben absichtlich aus der Luke gestoßen hatte. Höchstens auf der Holstenbrücke waren noch Menschen. Der Kaufmann versuchte zu schreien, zu brüllen, zu kreischen, doch nur ein klägliches Wimmern drang aus seiner Kehle.
“Keine Angst”, hörte er die helle Stimme des Paters. “Ich mache dem ein Ende, Wolfram. Jetzt hättest du eh nur noch ein kurzes Leben als Krüppel vor dir. Glaub mir, ich tue dir einen Gefallen.” Wolfram wollte protestieren, wollte irgend etwas sagen, um dem Domherren deutlich zu machen, dass er sehr wohl noch am Leben hing, doch der beugte sich über ihn und legte seine Hand auf Mund und Nase.
Wolfram schnappte vergeblich nach Luft, versuchte vergeblich, den Kopf hin- und herzuwerfen, weinte schließlich heiße Tränen, als die Luft um den Pater herum dunkle Flecken erhielt und seine Lunge nach Luft schrie. Als er das Bewusstsein verlor, hörte er noch die helle Stimme des Priesters sagen: “Dein Opfer ist nicht umsonst, mein Freund.”
Der Gedanke tröstete Wolfram Bretenau auf seiner letzten Reise nicht.

Ulrich Cornelius hatte es geschafft. Nicht nur war er zum Befehlshaber der Lübecker Flotte ernannt worden, einer Position, die ihm weiteren Einfluss bringen würde. Nein, er hatte auch die offizielle Erlaubnis von Kunigunde von Calven, nach Ablauf der angemessenen Trauerzeit um ihre Tochter Catharine zu werben. Und schließlich ging er hier an der Seite keines anderen als des Lübecker Ratsherren und Kirchenvorstandes von Sankt Marien, Anton Oldesloe, der ihm höchstpersönlich sein Lieblingsprojekt vorstellen wollte. Jeder im Stadtrat wusste, dass Oldesloe seit Jahren darauf drängte, es müsse ein neues Stadttor gen Westen gebaut werden. Das jetzige war alt und schlicht. Der Ratsherr aber wollte ein prachtvolles neues errichten lassen, das Lübecks Pracht und Stellung in der Hanse entspräche.
“Grandios muss es sein!” sagte Oldesloe auch jetzt wieder, und deutete auf das Westufer der Trave. “Ein Wahrzeichen! So wie die Porta Nigra in Trier oder … oder der Weiße Turm in London!”
Cornelius kannte die beiden Gebäude zumindest flüchtig und fand, dass sich der Ratsherr da viel vorgenommen hatte. Das stand ihm offenbar auch ins Gesicht geschrieben, denn Oldesloe hieb ihm mit der kräftigen Hand auf die Schulter und lachte: “Nun zieht mal nicht so eine Miene, mein Freund! Wenn Alexander sich darum geschert hätte, was sein Feldzug kosten würde, dann wäre er niemals losgezogen! Cornelius! Mann! Denkt mal ein bisschen größer! Was können zwei einflussreiche Männer wie wir zusammen nicht alles erreichen!”
Unwillkürlich musste Cornelius über Oldesloes unwiderstehliche Art schmunzeln. Der Mann war ein Charakterkopf, der seinesgleichen suchte – er wusste, was er wollte, und nahm es sich. Cornelius kam nicht umhin, eine solche Entschlusskraft zu bewundern. Auch wenn er sah, dass Oldesloe seinen Ruf und seinen Charme nutzte, um jüngere Männer wie ihn zu beeindrucken. Ein wenig neidisch musste Ulrich anerkennen, dass der Trick seine Wirkung zeigte. “Meint Ihr nicht, wir sollten erst einmal diese Ruinen dort drüben abreißen, bevor wir hier einen Prachtbau hinsetzen?” Cornelius wies auf die Heringshäuser, die am Traveufer von Jahr zu Jahr mehr zerfielen.
“Ach, die erfüllen noch ihren Zweck”, winkte Oldesloe ab. “Ich muss es wissen, denn ich lagere dort Salz und Salzheringe aus Schonen ein. Tatsächlich ist mein junger Geselle gerade dieser Stunden dabei, eine Inventarliste zu erstellen. Der Bursche ist ein so fauler Sack, dass man ihn über alles doppelt und dreifach schicken muss und bei jeder Zählung ein anderes Ergebnis erhält.” Oldesloe lachte polternd. “Ich behalte ihn aus purer Menschenfreundlichkeit!”
Als der jüngere Ratsherr seinen Blick von den hässlichen alten Holzhäusern abwenden wollte, da stutzte er. Stand dort nicht wirklich ein Mann in der oberen Luke unter dem Dachfirst? Das musste Oldesloes Mann sein. Die Entfernung war nicht so klein, dass man sich die Züge eines Unbekannten einprägen konnte, doch da Cornelius den Gesellen Oldesloes schon gesehen hatte, meinte er, ihn wiederzuerkennen.
“Ihr habt Recht”, meinte er und hob schon eine Hand, um Oldesloe darauf aufmerksam zu machen. “Dort ist Euer – oh Herr Gott!” Der eben noch so verspottete Kaufmann war vor Cornelius’ Augen aus dem Fenster gefallen. “Habt Ihr das gesehen?” Er trat an die steinerne Mauer der Brücke und kniff in der Sonne die Augen zusammen. Nun sah er, wie eine zweite Gestalt an die Luke trat. Sie lag zwar im Schatten des Daches, doch innen musste sich noch eine Leuchtquelle befinden, denn er konnte genau die schwarzen Umrisse eines Talars ausmachen. War das Gesicht nicht … konnte das … “Ist das nicht Domherr Nikolaus?” fragte er ungläubig.
“Was?” fragte Oldesloe neben ihm in zweifelndem Ton. Dann war die Gestalt aus der Luke verschwunden, doch Cornelius wusste, was er gesehen hatte. Er wies mit der Hand darauf. “Dort drüben, in der Luke, da stand eben noch der Domherr Nikolaus. Er hat auf der Bestattung von Gunter von Kirchow die Messe gelesen. Eben war er noch da!” Er ging nun schneller auf der Brücke gerade aus, das Heringshaus immer im Auge behaltend. “Ist er gefallen? Oder hat er etwa …” Ulrich Cornelius gestattete sich nicht, seinen Gedanken laut auszusprechen. Oldesloe neben ihm würde mit Sicherheit nicht zulassen, dass man etwas auf den Domherren kommen ließ, der ja mit ihm den Kirchenvorstand von Sankt Marien bildete! Ein Seitenblick bestätigte dem Oberbefehlshaber der Lübecker Flotte, dass Oldesloe skeptisch blieb. Der Mann schien auch noch gar nicht begriffen zu haben, dass dort eben sein eigener Geselle aus dem Fenster gestürzt war! Das musste der Schrecken sein – man sagte ja, dass sich erst im Angesicht von Mord und Krieg die wahre Seele eines Menschen offenbarte. Nun, ganz offensichtlich war der Herr Oldesloe weniger Herr der Lage in Krisensituationen, als er glauben lassen wollte.
“Da!” stieß Cornelius aus. Eben kam die schwarze Gestalt aus dem Heringshaus und umrundete selbiges zielstrebig. “Seht ihr? Das ist doch Domherr Nikolaus, bei allem, was mir heilig ist. Oldesloe, sagt mir, dass ich mich irre!”
Neben ihm beugte sich der massige Mann auf die Brückenmauer und spähte ebenfalls hinüber. “Bei Gott, ihr habt Recht. Aber Cornelius – was tut er denn da?”
Der Angesprochene war sich nicht so sicher. Der Kirchenmann beugte sich über den Gestürzten und … “Mein Gott! Er will ihn ersticken!” rief Cornelius entsetzt aus. “Wir müssen ihn aufhalten! Wie kann er nur … Ausgerechnet Pater Nikolaus!” Cornelius wusste, dass es schon bei dem Tod des Bürgermeisters von Calven Gerüchte gegeben hatte und man auch bei dem Pestilentiarius Anselmus munkelte, der sei nicht ganz ohne Hilfe gestorben. Auch der Fron Konrad Brigen untersuchte wohl schon so manche Eigenartigkeit dieser Todesfälle. Aber es war kein Wunder, dass er nichts fand, wenn so ein politisches Schwergewicht wie Domherr Nikolaus dahinter stand!
Ulrich Cornelius war schon über die Brücke getrabt, um den schurkischen Kirchenmann davon abzuhalten, seine Tat zu vollbringen, doch Oldesloe hielt ihn am Arm zurück. “Was?” fragte der Jüngere ungehalten.
“Lauft ihr zum Fron, Cornelius. Ich werde mich um meinen Gesellen kümmern und zusehen, dass der Domherr kein Fersengeld gibt.”
Cornelius zögerte kurz, doch Oldesloe wies schon selbst gen Heringshäuser laufend in die Innenstadt. “Ihr habt mehr Ausdauer, Mann! Wir haben keine Zeit zu diskutieren!”
Darin gab der jüngere Ratsherr dem älteren Recht, drehte sich um und rannte seinen vielen Ämtern ganz unangemessen hastig Richtung Marktplatz. Er wusste nicht, warum Oldesloe den Domherren selbst konfrontieren wollte. Vielleicht wollte er ihm ja die Chance zur Flucht geben. Er selbst zumindest würde Stein und Bein schwören, dass er den Domherren beim Mord an einem ordentlichen Lübecker Bürger beobachtet hatte. Diese Situation würde auch ein Anton Oldesloe nicht wieder klarziehen, das schwor sich Ulrich Cornelius und stürmte voran zur Fronerei auf dem Schrangen.

“Wie immer zu feige, selbst Hand anzulegen, wie?” fragte Anton Oldesloe den Domherren, als er zu ihm hinter das Heringshaus trat. Der segnete den Leichnam des jungen Kaufmannes Wolfram Bretenau gerade mit gutem, reichhaltigem Mutterboden ein. Jetzt sah er auf, sein schmales Gesicht grau und müde.
“Selten habe ich mehr Hand angelegt als bei dem Kaufmann”, murmelte Pater Nikolaus. “Der Sturz auf die Bohlen hat ihn nicht umgebracht. Er wäre langsam und unwürdig verreckt.”
“Du hast ihm also einen Gefallen getan, was?” lachte Oldesloe kollernd. Den rechten Arm hielt er hinter dem Rücken. “Redest du dir das ein? Dass du ihm das Ende erleichtert hast?”
Nikolaus schwieg, die Lippen aufeinander gepresst. Schließlich vollendete er die Salbung des Leichnams mit Kuhmilch und dem gesprochenen Gebet in jener erdig-fremden Sprache, die den Slawen zu eigen war. Das Töten ging dem Pater nicht so leicht von der Hand wie dem Ratsherren, der es ganz offenbar sehr genoss. Doch Oldesloe genoss offenbar noch mehr. Seinem Mitverschwörer die eigenen Taten vorzuhalten, gehörte ebenso dazu, wie ihm die Konsequenzen seines Handelns aufzuzeigen.
Nun sah der Kaufmann dabei zu, wie Nikolaus die Spuren seines Handelns so weit tilgte, dass der Tod des Gesellen aussähe wie ein Unfall. “Als wir drei damals beschlossen haben, dass jeder seinen Teil zum Gelingen des Totentanzes beitragen muss, da habe ich nicht gedacht, dass ihr feige tötet wie die Weiber! Giftmord ist Frauensache, Nikolaus! Ein echter Mann sieht jemandem in die Augen, wenn er ihn tötet!”
Nikolaus spürte die Galle in seinem Magen. Beim ersten Mal hatte er sein Opfer nicht einmal berühren müssen, und doch hatte es gereicht, dem Bischof beim Sterben zuschauen zu müssen, um ihm den Magen völlig zu entleeren. Beim zweiten Mal hatte er sich Hilfe geholt, da war es leichter gewesen. Außerdem hatte niemand den Tod mehr verdient gehabt als dieser Hurenbock von einem Sünder Paulus, der sich Domherr nannte und auf dem Grund der Domfreiheit ein Hurenhaus betrieben hatte. Ihn hatte er gerne beim Sterben zugeschaut, und obwohl die Begine dazwischen gekommen war, glaubte Nikolaus fest daran, dem Domkapitel und Lübeck einen Gefallen damit getan zu haben. Doch der Domherr wusste, dass Oldesloe seine Opfer beinahe immer eigenhändig getötet hatte.
“Nicht jedermann hat deine körperliche Kraft, Anton”, seufzte er nun. “Aber auch du hast Leute angeworben, um deine Drecksarbeit zu machen.”
“Natürlich!” grollte Oldesloe. “Schließlich muss man bisweilen ein Alibi haben oder will es wie einen Überfall aussehen lassen. Fakt ist, dass ich keine Furcht vor dem habe, was ich tue. Ich weiß, dass das, was wir tun, getan werden muss.” Der Ton des Mannes ließ Nikolaus in seiner Arbeit aufhorchen. Er sah auf und studierte das Gesicht des Kaufherren. Wie so oft wunderte er sich, wie sich hinter dieser charmanten, ja faszinierenden Fassade eine so grobschlächtige und brutale Seele verbergen konnte. Doch der Domherr kannte den Ratsherren zu genau. In seiner Stimme lag etwas Gefährliches.
“So wie auch das jetzt getan werden muss.” Oldesloe nahm die Hand hinter dem Rücken vor. Darin lag eine Keule von der Form eines Stuhlbeins. Nikolaus wurde kalt. So mussten sich die Opfer Antons gefühlt haben, wenn sie erkannt hatten, dass der physikalisch so bedrohliche Mann zu allem, auch zum Äußersten, fähig war.
“Anton”, bat Nikolaus flach, “was soll das? Bist du nun völlig toll? Wir sind doch Brüder im Glauben!”
Anton Oldesloe nickte. “Das sind wir. Um so mehr glaubte ich, dass du das verstehen würdest.”
“Was verstehen, Anton? Glaubst du, ich rede mit jemandem? Glaubst du, ich kann das nicht zu Ende bringen? Du brauchst mich!” Nikolaus wich auf einem der Balken balancierend zurück.
“Verstehen, dass wir einen Sündenbock brauchen, Nikolaus. Es gibt zu viele Menschen, die zu viele Fragen stellen. Sie alle wollen eine Antwort. Und die bist du.”
Der Domherr gestand sich ein, dass diese Überlegung nicht ganz falsch war. Doch er wollte nicht sterben. Er fuhr sich mit der Zunge über die trockenen Lippen. “Nach deiner Logik müsstest du eigentlich der Sündenbock sein, Oldesloe. Dir sind am meisten Leute auf den Fersen. Glaubst du, die lassen locker, weil man ihnen eine allzu leichte Lösung anbietet?”
Oldesloe lachte kalt. “Soll ich mich jetzt selbst erschlagen? Dass musst du schlauer anstellen, mein Freund.”
“Wie willst du es ihnen erklären? Ohne die Bruderschaft mit hineinzuziehen, meine ich”, stotterte Nikolaus. Er hatte das Ende des Balkens beinahe erreicht. Nun müsste er nur noch herumspringen und weglaufen, weit weg …
“Ich erkläre gar nichts. Sie werden ein Satanszeichen in deiner Kurie finden. Sämtliche Hinweise auf uns oder auf Veles sind jetzt bereits längst getilgt.”
“Aber … was ist mit dem Ewigen Lohn?” bat Nikolaus. “Wir drei wollten ihn herbeiführen. Sollen wir nicht auch alle drei davon ernten?”
“Wir wussten doch alle, dass die Opfer einiger weniger Menschen vielen helfen würden. Willst du kneifen, wenn dein Opfer gefragt ist?” Oldesloes Tonfall hatte nun einen spöttischen, provozierenden Klang angenommen.
“Glaubst du, ich will sterben?” fauchte Nikolaus verzweifelt. “Wir wollten wo es geht Menschen nehmen, die dieser Gesellschaft eh nicht mehr von Nutzen sind!”
“Ich weiß, dass du dir das eingeredet hast. Was ist mit dem Bischof? Und mit von Calven?”
“Es gibt in Lübeck nur einen Bischof! Und von Calven hast du ausgesucht! Er musste weg!”
“Und nun musst du weg. Es tut mir leid alter Freund”, lächelte Oldesloe. “Aber es geht nicht anders.”
Doch Nikolaus spannte sich wie eine Feder. Er schüttelte den Kopf. “Nein, Anton. Dir tut es nicht leid. Dir tut gar nichts mehr leid. Außer deine eigene Tochter!” Damit sprang er vom Balken und rannte. Doch der bullige Handelsherr war schneller. Domherr Nikolaus spürte den Schlag kaum. Die Welt explodierte in einem grellen Licht, als ihn das Kantholz auf dem Hinterkopf traf.

“Herr Oldesloe!” Ulrich Cornelius rannte keuchend mit dem Fron und zwei seiner Männer herbei. “Was ist passiert?”
“Er hat mich zurückgetrieben”, stotterte Oldesloe. “Mit der Klinge dort.” Er wies auf ein kurzes Messer. “Ich habe mich nur wehren wollen, damit er nicht davonkommt, und ihn am Kopf erwischt. Das Holz war wohl stärker als sein Schädel.”
Der kurze, aber nicht minder kräftige Fron Brigen besah sich die beiden Leichen und schüttelte den Kopf. “Was hat Domherr Nikolaus mit Eurem Gesellen zu schaffen?” fragte er Oldesloe. Auch Cornelius stand vor einem Rätsel. Er hatte den Hergang wohl begriffen, verstand jedoch nicht, warum ein angesehener Domherr in einem zerfallenden Speicherhaus einen Kaufmann aus dem Fenster werfen sollte.
“Da fragt Ihr den falschen, Fron”, murmelte Oldesloe. “Ich habe Pater Nikolaus zu meinen engsten Freunden gezählt und ihn für einen guten Christenmenschen gehalten.”
Der Fron sah an dem Heringshaus hoch. “Von dort oben ist Herr Wolfram gefallen? Das ist nicht so hoch. Was hat er dort gemacht?”
“Inventur”, gab Oldesloe einsilbig zurück. Beinahe tat der große Mann Cornelius leid. Er hatte auf einen Schlag zwei Menschen verloren, die ihm zumindest halbwegs nahe standen – und den einen davon hatte er selbst getötet. Diese Tat verdiente seinen Respekt – Ulrich hatte ihn offenbar falsch eingeschätzt. Er hatte gedacht, der Kaufherr würde seinen Freund laufen lassen. Statt dessen hatte er ihn getötet.
“Brigen”, mahnte der Flottenbefehlshaber nun, “lasst den Mann in Ruhe. Ihr macht es ja noch härter.”
“Ja Herr.” Der Fron wandte sich an seine Männer. “Bringt die Leichen weg.” Die beiden Kerle packten zu und hievten die Körper vom Ufer hinüber vor die Häuser, wo sie sie später mit einem Karren abholen würden.
Cornelius legte Anton Oldesloe die Hand auf den Arm. Er hatte den großen Mann selten so still und in sich gekehrt erlebt. Die Sache schien tatsächlich an ihm zu fressen.
Er räusperte sich. “Wer weiß, wen er beim nächsten Mal auf dem Kieker gehabt hätte. Ihr habt das Richtige getan, Oldesloe.”
Der bullige Ratsherr wandte sich ab und sah über die Königin der Hanse, die sich im Osten erstreckte. Auf seinem Gesicht spiegelte sich eine sanfte, milde Beunruhigung wider.
“Ich weiß”, murmelte er. “Ich weiß.”