Der Handwerker

(ungekürzt)

Die drei Klosterglocken riefen die Gläubigen zur Vigil, als Hartmann der Zimmermann von der Arbeit nach Hause stapfte. Die Schüsselbuden und die Marienkirche lagen dunkel da wie es sich zur Mittnacht geziemte. Als er an der Nordtür der Kirche vorbei ging, bellten darin die Wachhunde, als sei der Teufel in sie gefahren.
Hartmann schleppte das übrig gebliebene Holz nach Hause. Das hatte er seit seiner Meisterprüfung nicht mehr getan, doch sein Geselle war heute nicht zur Arbeit erschienen. Das konnte bedeuten, dass er die Stadt verlassen hatte, um anderswo ein Leben zu beginnen. Diese Erklärung hatte Hartmann seiner Agathe gegeben hatte, doch er glaubte selbst nicht daran – und sie auch nicht. Der Zimmermann schleppte also Werkzeug und Holz selbst, doch er beschwerte sich nicht. Tatsächlich war er gar gut gelaunt, denn er hatte heute endlich wieder einen Auftrag erhalten – auch wenn der erst spät gekommen war und er daher Agatha und die Mädchen zuhause hatte allein lassen müssen. Inzwischen schlug die Hämmer und Keile in seinem Werkzeuggürtel schwer an das Bein – genau an die Stelle, an der er sich eine Prellung geholt hatte – doch er nahm den Schmerz mit Demut. Er hatte im Hause Wittig die Fenster und die Hoftür zugenagelt. Hartmann war kein studierter Mensch, doch zugenagelte Fenster waren ein eindeutiges Zeichen dafür, dass die Wittigs die Stadt fliehen wollten. Und zwar bald. Inzwischen gab es etliche leerstehende Häuser wohlhabender oder gar reicher Familien. Hartmann selbst hatte ein paar davon gesichert und sich alle Mühe gegeben, dass Plünderer es so schwer wie möglich hätten, an das Hab und Gut der Geflohenen zu kommen. Er leistete gute Arbeit, und das Geld dafür ernährte Agatha und die Kinder sicherlich eine Woche lang.
Der Zimmermann strich sich über den zotteligen Bart und zog den Hut tiefer ins Gesicht. Er sollte nicht so viel ans Essen denken, da knurrte ihm nur der Magen. Sicher, seine liebe verschrobene Agatha gab ihm immer einen Schlag Essen mehr in die Schüssel als sich selbst. Doch der Hunger hatte sie hart werden lassen. Ihre Portion und die der Mädchen schrumpften täglich. Als er versucht hatte, etwas davon an das kleine Mariechen abzutreten, da hatte Agathe ihn und das Kind mit der Haube vertrimmt. Die Striemen spürte er immer noch, auch wenn sie längst verheilt waren. ‘Iss, Mann, sonst schlachte ich den Hund! Wer soll uns ernähren, wenn du vom Fleische fällst?’ Vor ein paar Tagen war der Hund trotzdem verschwunden und es hatte überraschend Fleisch auf dem Tisch gestanden.
Dem stillen Hartmann blutete jeden einzelnen Tag das Herz, wenn er seine fünf Mädchen wie Orgelpfeifen am Abendtische aufgereiht sah und in ihre großen hungrigen Augen blicken musste, während er den Löwenanteil des Essens verschlang. Hartmann schritt froh gelaunt schneller aus. Heute gab es keinen Grund zur Sorge. Die Kinder würden endlich wieder satt werden. Heute hatte er Geld bekommen, das war schon ein Grund zum Feiern.
Doch auch das großzügige Trinkgeld von Frau Wittig würde nur so lange halten. Er brauchte mehr Aufträge.
In Lübeck war es momentan beinahe unmöglich für einen Zimmermann, Arbeit zu finden. Die Leute hielten ihr Geld zusammen, denn die Zeiten waren unsicher. Außerdem ließ niemand bei klarem Verstande einen Fremden in die eigenen vier Wände. Die Stadt wurde immer leerer, denn Scharen von Leuten flohen oder starben. Vielleicht hätten sie doch nicht bleiben sollen? Vielleicht hatten Agathe und er die falsche Entscheidung getroffen, als sie sich durchgerungen hatten zu bleiben? Doch sie hatten sich erst vor einem knappen Jahr hier etwas aufgebaut. Und als sie erwogen hatten fortzugehen, hatten sie auf ihre fünf schlafenden Mädchen geblickt und sich stumm in die Augen gesehen. Sie wussten beide, dass wenigstens die kränkliche Agnes eine Wanderschaft nicht lebend überstanden hätte. Auch Mariechen, die jüngste, die ihm stets den Haferbrei in den Bart geschmiert hatte, als sie noch gefüttert worden war, hätte das kaum überlebt. Und in diesem kurzen Blicktausch hatten sie beide gewusst, dass sie bleiben und hier kämpfen würden.
Agathe verräucherte ständig das Haus und betete den ganzen Tag. Sie ging nur noch zum Brunnen und zum Markt und hielt sich nirgendwo auf. Sie ließ die Kinder seit beinahe zwei Wochen nicht vor die Tür. Und nicht einmal den Gesellen hatte sie hereingelassen. Hartmann selbst schlief in der Werkstatt, einer kleinen Bude nahebei, denn sie wollten nicht riskieren, dass er die Pest unter ihr Dach trug. So blieb ihnen nur die tägliche Mahlzeit, kaum eine Stunde am Tag, um zu reden und zu lachen. Ja, sie lachten unter seinem Dach. Hartmann war stolz darauf, dass seine Töchter und seine Frau trotz all der Widrigkeiten das Lachen noch nicht verlernt hatten. Er würde sein Leben dafür geben, dass das so blieb.
Ein Bellen ließ Hartmann zusammenschrecken. Mittlerweile befand er sich auf der Königsstraße, jener Prachtstraße, in der die Ratsfamilien wohnten. Hier gab es auch die meisten vernagelten Häuser. Er stand ungefähr auf Höhe der Straße gen Sankt Johannis und meinte, dort unten eine Gestalt in einen der Eingänge huschen zu sehen. Doch als ein zweites, wütenderes Bellen dem ersten folgte, sah er sich um und kniff die Augen zusammen. Die Straße war dunkel, der Mond verhangen, und so erkannte er die schnellen Schatten erst spät. Drei große dunkle Hunde schossen mit gesenkten Köpfen über das Pflaster direkt auf ihn zu. Und sie waren pfeilschnell. Hartmann warf seine Bretter von sich und rannte. Die Köter waren zwar noch zwei Dutzend Ellen entfernt, doch der kräftige Hartmann war nicht der Flinkeste. Er rannte mit großen Sätzen in die Hundestraße hinein, um die Tiere irgendwo abzuschütteln, verlor beim Gefälle jedoch das Gleichgewicht und strauchelte. Schnell hatte er sich wieder berappelt und lief weiter, hinein in einen der Gänge und hindurch auf den Kirchhof von Sankt Katharinen. Wenn er hier durch das Tor gelangte, dann könnten die Hunde vielleicht nicht folgen. Das schlimmste war, dass die Hunde beim Rennen nicht mehr bellten und er so nicht sicher war, wie weit sie hinter ihm war. In seiner Einbildungskraft atmeten sie ihm bereits stinkend in den Nacken!
In der Dunkelheit stieß Hartmann sich das Knie an einem Holzstapel, schlidderte über eins der Gräber und gelangte schließlich zu der kleinen Pforte in der Mauer. Doch als er sie aufzuschieben versuchte, musste er feststellen, dass die Franziskaner den Kirchhof offenbar des nachts versperrten! Er hörte ein bösartiges Knurren hinter sich.
Hartmann sprang. Er hielt sich an dem gemauerten Bogen oberhalb der Pforte fest und zog sich hoch. Ein heftiger Schmerz am Bein ließ ihn seine Kräfte verdreifachen, als einer der Hunde ihm in die Wade biss. Doch dann lag der Zimmermann bäuchlings über der Mauer und zog seine Beine an, um sie außer Reichweite zu bringen. Er war völlig außer Atem, doch er lachte keuchend.
“Ihr kriegt mich nicht, ihr Teufelsbrut!” ächzte er. Dann ließ er sich auf der Straßenseite herab. Hinter der Mauer japsten und grollten die Hunde, und einer sprang immerhin so hoch, dass Hartmann über die Mauer seinen Kopf auftauchen sah. Doch schließlich zogen sich die Tiere bellend zurück. Hartmann lauschte einen Augenblick. So schnell, wie die Hunde verschwanden, suchten sie einen anderen Weg. Er verschwendete keinen Gedanken daran, warum sie es ausgerechnet auf ihn abgesehen hatten, sondern gab Fersengeld.
Trotz des Schmerzes in der Wade humpelte er schnell die Glockengießerstraße entlang und bog in den Langen Lohberg. Er war nur noch ein paar Dutzend Ellen von dem Gang entfernt, in dem seine Werkstatt lag und seine Familie wohnte, als er das Bellen im Tünkenhagen hörte. Verzweifelt stolperte Hartmann voran. Er musste, nein er würde es schaffen, er würde nach Hause kommen und den Bestien die Tür seiner Werkstatt vor der Nase zuschlagen! Das Ringen um Luft stach bereits in die Lunge, und auch das Belasten der verletzten Wade schmerzte beinahe unerträglich. Endlich konnte er den Durchgang sehen, der ihn in den heimatlichen Budengang führen würde, da hörte er direkt hinter sich ein Knurren. Hartmann sprang vorwärts und hastete durch den schmalen Korridor. Auf der anderen Seite griff er zu einem Holzbrett, das er dort wusste, warf sich herum und wollte zuschlagen, doch der Hund war schneller. Die dunkle Bestie war über Hartmann, bevor der auch nur einen Laut von sich geben konnte, und riss ihn zu Boden. Der Zimmermann ließ das Brett fallen und schlug dem Hund die Faust ins Gesicht. Als das Tier jaulend zurückzuckte, sprang Hartmann auf und rannte zu seiner Werkstatt. Die anderen Tiere kamen auch aus dem Korridor geschossen. Hartmann fingerte an dem Riegel herum und verfluchte sich, dass er die Tür so gut gesichert hatte. Dann waren die Hunde heran. Er trat mit dem verletzten Bein nach dem einen, während der andere an seinen Arm sprang und zubiss. Hartmann schrie auf vor Schmerz. Dann endlich hatte er den Riegel aufgezogen und riss die Tür auf. Gedankenschnell war er hinein und wollte die Tür wieder hinter sich ins Schloss werfen, doch einer der Hunde steckte den Kopf herein und schnappte geifernd nach Hartmanns Rechter. Das war sein letzter Fehler. Hartmann schlug die Tür so hart zu, dass das Genick des Hundes knackte. Er trat nach dem Kadaver, schubste ihn hinaus und rammte die Tür zu.
Japsend brach Hartmann auf dem Boden seiner Werkstatt zusammen. Er war in Sicherheit! Er hatte es wirklich geschafft. Er lachte, weinte und keuchte gleichzeitig vor Erleichterung. Mariechen hätte es ihm übel genommen, wenn er gestorben wäre. Und Agathe hätte sicher so manche Träne über ihn vergossen. Schließlich schob der Handwerker sich wieder auf alle viere und überlegte, was er tun sollte. Er brauchte einen Arzt. Glücklicherweise war das Heiligen-Geist-Spital nicht fern. Doch er könnte erst gehen, wenn die Hunde fort waren.
Mit dem Abflauen der Todesangst fragte Hartmann sich doch, was wohl in die Hunde gefahren sein mochte, dass sie sich derartig auf ihn gestürzt hatten. Sicher, sie waren ausgebildet, Diebe und Einbrecher anzufallen, aber harmlose Passanten? Und wie waren sie so spät in der Nacht überhaupt aus der abgeschlossenen Kirche gelangt? Beinahe war ihm unheimlich zu Mute, denn kaum war der Küster tot, spielten die Hunde völlig verrückt. Seltsam!
Als sich Hartmann den Ärmel seines Kittels über die Nase zog, um den Schnodder abzuwischen, der ihm vom Laufen dort hing, roch er wieder den Gestank der Abfälle, die ihm bei der Arbeit im Haus Wittig über den rechten Ärmel gekippt worden waren. Darunter war eindeutig der Geruch von Blut sowie einem strengen Geruch, den er nicht hatte zuordnen können. War das Moschus? Doch was hatte Moschus im Abfalleimer der Familie Wittig zu suchen? Hartmann hielt inne. Er war zwar kein Geistlicher, aber er war auch nicht dämlich. Das beides konnte doch kein Zufall sein! Der Abfall mit dem strengen Geruch, und dann liefen die Hunde nachts frei herum und stürzten sich auf ihn! Er würde morgen sowohl den Kirchenvorstand Oldesloe aufsuchen wie sich bei der Frau Wittig beschweren. Man musste dem ganzen auf den Grund gehen!
Hartmann zog sich mit zusammengebissenen Zähnen auf die Beine. Nun, da Ruhe einkehrte, spürte er die Mattheit und die Schmerzen – ihm tat alles weh. Draußen sprangen noch die Hunde an die Tür, doch irgendwann würden auch sie erlahmen und verschwinden. Der Handwerker ging zur Dornse der kleinen Werkstatt, um seinen Bierkrug zu holen. Er hatte Zeit und Bier. Alles war gut.
Der Schlag an der Schwelle der Dornse traf ihn völlig unvorbereitet direkt auf die Nase. Blut platzte auf und floss ihm über Mund und Kinn, und Hartmann fiel hintüber wie ein nasser Sack.
Er hatte noch nicht einmal begriffen, was geschah, da spürte er einen kurzen Schmerz auf der Stirn. Jemand bestreute ihn mit Brocken und segnete ihn mit fremdartigen Versen. Hartmann schüttelte den Kopf, um die Sterne in seinem Geist zu vertreiben und wieder klare Gedanken fassen können. Als er wieder etwas sah, fiel sein Blick auf Feuer. Bis er sich hustend auf die Knie aufgerappelt hatte, stand die vordere Wand in Flammen. Der Brand fraß sich gierig durch Holz und Späne, die der Zimmermann in seiner Werkstatt lagerte, doch der Mann wusste, dass kein Feuer der Welt sich ohne Hilfe so schnell ausbreitete. Über dem Rauch roch er Laternenöl. Er blinzelte in das blakende Flackern und röchelte nach Luft, doch er atmete nur Rauch. Es gelang ihm, sich wankend auf die Beine zu ziehen. Er tastete in der Schwärze nach Werkzeug und bekam einen Hammer zu fassen, den er noch kraftlos gegen die Tür schleuderte. Dann brach Hartmann zusammen und sah mit schwindendem Bewusstsein zu, wie die Flammen seine Werkstatt verschlangen.