Die Macht der Presse und Schriftsteller in einer postfaktischen Welt

Wer hätte gedacht, dass ich einmal einem Artikel von Jakob Augstein zitiere? Doch in seinem Beitrag im Spiegel Online „Macht und Missverständnis„, weist Augstein darauf hin, dass es in der postfaktischen Welt nicht mehr auf Fakten ankommt, sondern darauf, wer am lautesten brüllt.

Augstein schreibt: „Es ist Horst Seehofer schlicht egal, ob die Grenzkontrollen, von denen er redet, überhaupt machbar sind und tatsächlich eine nennenswerte Zahl von Migranten abfangen könnten. So wie es Donald Trump und seinen Zuhörern schlicht egal ist, ob die deutschen Kriminalitätszahlen gestiegen oder gesunken sind.“

Wenn es aber auf Fakten nicht mehr ankommt, dann kommt es auf die Verbreitung von Beiträgen an, sei es in der Presse, in der Tagesschau, in den Online- und Offline-Magazinen und, vielumstritten, auf die Sozialen Medien wie Facebook, Twitter, Instagram und co.

Das macht jeden einzelnen von uns zu einem Multiplikator des Echos, das unter anderem Seehofer, aber auch die Lautsprecher der AfD, von sich geben. Das macht auch jeden einzelnen von uns verantwortlich für die Multiplikation und die Stärke dieses Echos. Anstatt uns also über diese Medien unseren Aufreger des Tages abzuholen und das sofort als Neuigkeit in unserem eigenen Medienstream (den Sozialen Medien) zu teilen, sollten wir vielleicht etwas geruhsamer an die Sache herangehen.

Besondere Macht aber kommt in diesen postfaktischen Zeiten den alten und neuen Presse-Medien zu. Talkshows, Zeitungen und Magagzine, Fernsehsender – sie alle leben von diesem Aufreger des Tages und generieren ihre Einnahmen darüber, dass sie diese Aufregung an ihre Konsumenten – also an uns – übertragen.

In Zeiten kurzweiliger Aufreger für Werbeeinnahmen aber gewinnen die ARD, das ZDF und alle anderen (nicht-)GEZ-unterstützten Medien wie Papierzeitungen wieder mehr Gewicht.

Denn diese besondere Macht will sorgsam genutzt werden. Allzuoft gerieren sich die Medien nur als Megafone, als Verstärker hinausgebrüllter Meinungen, ohne tatsächlich journalistische Prinzipien zu respektieren – denn guter Journalismus dauert; meist zu lange zum Ergattern der Klickzahlen.

Die Richtung muss für mich heißen: mehr werbeunabhängige Medien. Und die, die wir haben, müssen sich ihrer großen Verantwortung bewusst sein.

Wir Schriftstellerinnen und Schriftsteller müssen uns dieser Verantwortung übrigens auch bewusst sein, denn auch wir sind Multiplikatoren für Meinungen.

Ironischer Weise fand ich auf der Spiegelseite, auf der Augsteins Artikel stand, drei fremd- und ein hausinternes Werbebanner vor.

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