Stoker, Schiller und der Briefroman

Neben vielen historischen Ereignissen birgt der 8. November auch ein literarisches – heute vor 166 Jahren wurde Bram Stoker geboren.

Der Ire, der zwölf Romane und viele Kurzgeschichten schrieb, wurde mit einer einzigen Schöpfung so unsterblich wie seine Hauptfigur – die Rede ist natürlich von seiner literarischen Aufarbeitung des Vamiprmythos in dem Briefroman Dracula.

Stoker ist nicht der erste Autor, der sich dem Vampir widmete. Bereits John Polidoris The Vampyre (1819) und Carmilla von Joseph Sheridan LeFanu (1872) hauchen den Blutsaugern leben ein, doch es bleibt Stoker vorbehalten, dem Mythos seine wahren Unsterblichkeit zu verleihen.

Meine persönliche Begegnung mit Bram Stoker’s Dracula fand im Alter von elf Jahren statt. Ich verschlang das Buch von der ersten bis zu letzten Seite. Es wird mir als eines von drei Büchern, die meine Lese- und Schreibgewohnheiten am meisten geprägt haben, stets in liebevoller Erinnerung bleiben.

Was fasziniert mich an Dracula? Nicht nur die Hauptfigur mit ihrer subversiven, zwischen Erotik und Tod mäandernden Metapher. Bram Stoker’s Helden verbindet eine Treue und Aufrichtigkeit, wie sie nur wahre Gefährten kennen, eine Zielgerichtetheit, für das Wohl der Welt großes Leid (und schlimmsten Verlust) auf sich zu nehmen, die gute (Roman-)Helden ausmacht sowie eine Empfindsamkeit, die einen großen Reiz des Romans ausmacht.

Besonders schätze ich aber die Erzählform des Buches. „Dracula“ ist ein Briefroman, von denen es in dieser Welt meines Erachtens deutlich zu wenige gibt. Wie Schillers „Geisterseher“ entsteht die eigentliche Handlung sowie ein Großteil der Spannung nicht in den präsentierten Texten, die aus Tagebucheinträgen, Memoranden, Briefen, Notizen und Nachrichten bestehen, sondern zwischen ihnen – in der immer weiter aufragenden Kluft der Informationen zwischen den handelnden Figuren.

Es gibt nur einen Charakter, in dessen Händen das vollständige Bild der Handlung zusammenläuft – und das ist der Leser, die Leserin selbst. Und so will man mit jedem neuen Eintrag die Hände in die Seiten krampfen, während man beobachten kann, wie die Helden unwissend in ihr Verderben zu laufen scheinen, während man selbst, als später Zeitzeuge so echt wirkender Dokumente, zur Tatenlosigkeit verdammt ist.

Auch Friedrich Schiller widmet sich in seinem „Geisterseher“ dieser Schreibform – bis auf die langwierigen philosophischen Teile vom Spannungsaufbau ebenfalls meisterhaft komponiert – und beweist damit ein großes Gespür für die Prosa. Schiller konditioniert seine Leser geradezu darauf, zwischen den Zeilen zu lesen und zu verstehen, was die handelnden Fiugren in ihrer Beschränktheit doch nicht sehen können.

Ich kehre an diesem regnerischen Novemberabend nun mit einer heißen Tasse Tee und Bram Stoker’s Dracula auf mein Sofa zurück und lasse mich gruseln.

Herzlichen Glückwunsch, Bram, wo auch immer du sein magst – sterblich oder usnterblich.

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