Aus dem Leben gebloggt: Von den Freuden, IC zu fahren

Mittags, halb eins in Deutschland.

Ich bin eine Freundin der Deutschen Bahn. Wirklich. Ich mag es, mich beim Fahren entspannen zu können und genieße es, vielleicht sogar ein wenig arbeiten zu können, anstatt mich auf den gegebenenfalls anstrengenden Verkehr konzentrieren zu müssen. Mit jedem Kilometer Distanz zum eigenen Schreibtisch erhöht sich die Freude an der Schreibarbeit.

Auf langen Strecken nutze ich meist ICEs, zu deren Vor- und Nachteilen ich mich hier nicht auslassen möchte. In jedem Winter (und besonders heißen Sommern) wird zu diesem Thema genug geschrieben. Nein, ich möchte mich hier über die Freude auslassen, IC zu fahren. Das hat mich mit Bahncard 50 immerhin 26 Euro gekostet – was einen normalen, unreduzierten Fahrpreis auf 52 Euro steigen lässt.

Schon länger beobachte ich die unglaubliche Überfüllung in ICs. Fast durchgängig sitzen Fahrgäste auf Notbehelfen und auf dem Boden oder stehen in den Gängen. Dazu kommt, dass die mangelnden Gelegenheiten, Gepäck zu verwahren, den Platz für die Passagiere weiter reduzieren, so dass man sich bereits in ruhigen Zeiten mehr durch die Großraumabteile schlängeln muss. Ich bekomme regelmäßig Schweißausbrüche, wenn ich mir ausmale, was wohl bei einer Vollbremsung oder gar einem Unfall geschehen mag, wenn Koffer durch die Abteile fliegen oder eine Panik entsteht, weil die Deutsche Bahn nicht berücksichtigt hat, dass Reisende zwischen Berlin und Frankfurt – oh Wunder! – mit schwerem Gepäck unterwegs sind. Großem Gepäck. Monströsem Gepäck.

Wie etwa die Dame in der Sitzreihe hinter mir, die zwar darauf Rücksicht nehmen will, dass die Fluchtwege für alle offen bleiben („Sie müssen doch auch mal an andere denken!“), aber natürlich nicht bereit ist, den letzten leeren Sitzplatz für mich zugänglich zu machen, den sie mit ihren drei Godzillakoffern zugeparkt hat.

Nun habe ich Verständnis dafür, dass man die Fluchtwege offen halten möchte. Ich bin ein großer Fan von Fluchtwegen (siehe Schweißausbrüche oben). Aber wenn ich die Wahl zwischen offenen Fluchtwegen und zwei Stunden Stehen habe, bekomme selbst ich egozentrische Tendenzen.

Besonders erfreulich beim IC-Fahren aber ist die Funktionalität der Platzreservierungen. Als ausgefuchste Bahnfahrerin weiß man, dass man ohne Fahrkartenreservierung bei ICEs in der Regel Wagen 7 aufsucht, weil der mit Last-Minute-Buchungen aufgefüllt wird – oder eben auch nicht. Dieser spezielle IC wird allerdings noch mit vorsintflutlichen Steckkarten betrieben (vielleicht läuft der Antrieb noch mit Kohle), die von Bahnangestellten eingesteckt werden – oder eben auch nicht. Im ganzen Zug findet man keine Markierungen. Gar keine.

Stattdessen erfreut uns der Zugführer mit einer freundlichen Durchsage. Man möge bitte jeden Platz im Zug als reserviert betrachten und auf Aufforderung an den Reservierungsinhaber freigeben.

Verstehen Sie mich nicht falsch, ich bin auch eine Freundin von Platzreservierungen. Ich nutze sie gerne und viel, wenn ich damit rechnen muss, dass ein Zug voll wird. Vielleicht war damit mittags an diesem Gründonnerstag zu rechnen. Mein Fehler. Aber so gar keine Orientierungshilfe bei der Platzwahl zu erhalten, führt zu genau drei Dingen:

– Frustrierten Reisenden, die zwei, drei Mal neue Plätze suchen müssen,

– die Gänge mit großem Gepäck überfüllen und verzweifelt Plätze zustellen sowie

– gereizten Fahrgästen und damit schlussendlich auch diesem Blogeintrag.

Meine Anmerkung beim Schaffner, es würde zu Unruhe und Gereiztheit führen, wenn die Platzkarten fehlten, wurde mit Berliner Schnauze kommentiert: „Das hat wohl der Kolleje, der dafür verantwortlich war, nich jemacht.“ Ob das Versprechen, es dem Vorgesetzten zu melden, wirklich eingehalten wird, wage ich zu bezweifeln.

Das i-Tüpfelchen der Reise aber waren die Türen im IC. Mit freundlicher Unterstützung von außen war ich immerhin in der Lage, das renitente Exemplar, durch das ich in Hannover den Zug verlassen wollte, zu öffnen. Doch obwohl ich mich mit vollem Gewicht dagegenstemmte, fiel sie mir entgegen, just, als ich versuchte, auf den Bahnsteig zu treten. Nur ein beherzter Sprung zurück ins Abteil rettete mich vor dem Schicksal, auf meinem Grabstein den Schriftzug „Erschlagen von einer IC-Tür“ wiederzufinden.

Fazit: Meine Freundschaft mit der Deutschen Bahn hat durch diese Fahrt erheblich gelitten. Doch die Konsequenz, die ich aus diesem Erlebnis ziehe, wird die Deutsche Bahn erfreuen: Ich werde mir in Zukunft sehr genau überlegen, ob ich noch einmal einen IC buche. Die 6 Euro Aufschlag für den ICE erscheinen plötzlich als gute Investition in meine Gesundheit. 10 Euro, wenn wir die online-Platzreservierung bedenken, die dort elektronisch angezeigt werden und das Nomadentum durch die Abteilung unnötig machen.

Auf der anderen Seite wird man im ICE auch freundlichen Mitfahrerinnen, die ihrem Gepäck mehr Daseinsberechtigung erteilen als mir, nicht aus dem Weg gehen können.

Vielleicht mit einem Ticket Erster Klasse. Da der Luxus einer ungestörten Fahrt allerdings schlappe 60 Euro mehr kostet, will eine solche Reise sorgfältig ins Budget eingeplant werden. Als freischaffende Künstlerin werde ich also vermutlich nie erfahren, ob man dort dann wenigstens ausreichend Platz vorfindet, sein Gepäck unterzubringen, ohne darüber zu stolpern oder im Ernstfall davon erschlagen zu werden.

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