“Bitte sagen Sie jetzt nichts!” – Loriot im Schlamm der Erkenntnis

Selten erstelle ich Blogeinträge zu Themen, die nichts mit meinen Romanpublikationen zu tun haben. Sicher könnte ich mich mit ätzenden Kommentaren zu Politik, Wirtschaft oder Sport äußern, aber ehrlich gesagt interessiere ich mich für keines dieser Felder so ernsthaft, dass ich meine Meinung für teilenswert halte. Was mein Herz bewegt, sind die Worte. Und heute verbreitete sich die Nachricht, dass einer der größten Worteschmiede der deutschen Sprache von uns gegangen ist. Dazu muss ich etwas sagen.

Bevor ich etwas über Vicco von Bülow alias Loriot sage, muss ich bekennen, dass ich seine Beiträge nicht mochte. Das hatte nichts mit der Qualität zu tun, mit dem Witz und dem Können, das er beim Erstellen seiner Fernsehclips, Filme oder Texte an den Tag legte. Dass ich Loriot-Werke selten konsumiert habe, lag einzig an meiner intensiven Neigung zum Fremdschämen.

Ob es eine am Kinn klebende Nudel war oder eine Nachrichtensprecherin an einem Spießroutenlauf im “th”-Dschungel scheiterte; immer, wenn Loriot sich Szenen aus dem Alltagsleben griff und sie so auf die Spitze brachte, dass ich versuchte, hinter meinen vielfach verschränkten Fingern, einer Tasse oder dem Sofa zu verschwinden, habe ich körperliche Schmerzen erlitten. Jedes Mal fühlte ich mehr mit den “Opfern” seines boshaft-liebevollen Humors als gut für mich war.

Doch genau dieses Talent war es, das Loriot für mich zu einem herausragenden Künstler gemacht hat. Er wusste den Finger in die Wunde zu legen, Salz darauf zu streuen und genoss es. Er bohrte selbst dann noch ein wenig nach, wenn der Schmerz schon unerträglich schien. Er enttarnte bürgerliche Marotten ohne jede Gnade als das, was sie oftmals sind – leere Hülsen einer verklemmten Gesellschaft. In liebevoller Bosheit karikierte er sich und seine Kollegen und Kolleginnen vor laufender Kamera in aller Peinlichkeit wie ein Jesus, der sich für seine Anhänger ans Kreuz schlagen ließ. Er war einer von uns und wälzte sich an unserer Statt im tiefsten Schlamm der Erkenntnis.

Loriot war immer Loriot. Mit dem Schwung eines der ganz Großen unter den Künstlern brachte er es fertig, der Sprache gleichzeitig Humor, Biss und Selbstreflexion zu entlocken und uns dabei vor Pein lachend mit den Zähnen knirschen zu lassen. Und deshalb werde ich ihn vermissen.

Ich bin traurig, dass Loriot tot ist. Doch ich bin voller Glück und Dankbarkeit, dass er gelebt und gewirkt hat und eine solche Verehrung unter jenen wie mir hat genießen dürfen, die unter ihm gelitten haben.

“Bitte sagen Sie jetzt nichts!”

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