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Dialog: Gibt es zu viele Frauen in phantastischer Literatur?

Die Diskussion über Feminismus und Repräsentation von Frauen in der phantastischen Literatur, die auf dem 3. Branchentreffen der Phantastik des Phantastik-Autoren-Netzwerks (PAN) e.V. am 19.04. in einer Diskussionsrunde im Kölner Odysseum begann, setzte sich zunächst auf Twitter fort.

Professor Lars Schmeink, der auf unserem Branchentreffen den Impuls-Vortrag „Politische Dimensionen der Fantastik“ hielt, setzt sie nun auf Tor-Online fort und ruft zum brancheninternen Dialog auf. Lieber Lars, hier ist meine Stimme.

Die Beschwerde: es gäbe zu wenig (starke) Frauenfiguren in phantastischer Literatur. Doch auf diese Beschwerde kam auch Widerspruch: es habe noch nie Gegenwehr gegeben, wenn (z.B. ein Mann oder erfolgreicher Autor) eine Heldin ins Zentrum seines Werks gestellt hätte.

Wer hat nun Recht? Oder gar beide?

Ich glaube einerseits, dass sicher große und kleine Autoren nicht gleich behandelt werden. Wenn also die einen starke Frauenfiguren nutzen dürfen, heißt das nicht, dass anderswo nicht genau solche Bücher abgelehnt werden. Darüber kann ich ehrlich gesagt keine Auskunft geben, denn mir wurde immer von den Lektorinnen kommuniziert, dass eine (starke) Frauenfigur gern gesehen wird. (Darüber, dass man sich nur bei weiblichen Figuren genötigt sieht, das Wörtchen „stark“ vor die Figur zu setzen, und das bei Männerfiguren (gibt es das Wort?) oder Helden nicht ergänzt werden muss, hat Lars Schmeink sich bereits andernorts ausgelassen.)

Meine andere Befürchtung ist allerdings, dass wir in der phantastischen Literatur zu viele Frauenfiguren haben. Und zwar zu viele, die eben in sexistischen Verhaltensmustern charakterisiert werden. Besonders romantische Literatur neigt zu Halb-zog-er-sie-halb-sank-sie-hin-Personal, bei dem auf beiden Seiten des Geschlechtergrabens Stereotypen verfestigt werden.

Was wir also benötigen, sind nicht mehr Frauenfiguren (ob als „stark“ tituliert oder nicht), sondern komplexere, vielschichtige Figuren, die nicht in das eine oder andere Klischee kippen – die flache Powerkriegerin mit Schwert auf der einen oder das kleine verhuschte Mädchen, das am liebsten von ihrem starken, dominanten Liebsten erobert werden möchte.

Da könnte man zum Schluss kommen, dass Stereotypen schädlich sind. Ich finde das auch nicht ganz falsch, denn Stereotypen verfestigen natürlich Gender-Klischees in den Köpfen der Leserschaft.

Auf der anderen Seite lebt Phantastik (und Bücher leben generell) von Stereotypen, denn das erleichert den Einstieg in eine komplexe neue Welt.

Die Antwort auf die Frage ist also wiederum komplex. Mein Aufruf ist:

Schreibt Charaktere. Schreibt nicht Abziehfiguren, sondern motiviert euer Personal und stattet sie mit guten wie schlechten Seiten, Marotten und Geniezügen aus.

Alle, Männer, Frauen und alles dazwischen.

Und jetzt haben wir wieder nicht über Rassismus in der Phantastik und die Notwendigkeit für Vielfalt in der Literatur gesprochen, Lars.

Machen wir das im Mai?

[EDIT: Links gesetzt]

Politische Dimensionen der Phantastik

Das 3. PAN-Branchentreffen ist vorbei. Auch auf Twitter wurde wild diskutiert: Unter #pan18 kann man vieles nachlesen und sich mitfreuen.

Dieses Jahr konnte ich mich glücklicherweise ein wenig mehr entspannen als letztes Jahr, in dem ich mit Programm-Mitplanung, Sponsoren-Vertragsunterzeichnungen, Vor-Ort-Orga, einen Tag Moderation sowie der Kasse mehr als ausgelastet (bzw. überlastet) war. Diess Jahr konnte ich mich auf Sponsoring-Aquise, Moderation und PR konzentrieren, und so hatte ich mehr Zeit, neben der Organisation auch an den Diskussionsrunden teilzunehmen.

Diana Menschig, unsere erste PAN-Vorsitzende und Hauptorganisatorin, hat einen phantastischen Job gemacht, besonders mit der Besetzung der Diskussionsrunden und Vorträge. Danke, Diana, dass es dich gibt, dass du dich so für die Phantastik einsetzt und niemals ermüdest!

Hervorheben möchte ich hier die Beiträge von Michael Baumann, der für die Gesellschaft für Fantastikforschung den Einleitungsvortrag über „Sind Märchen politisch?“ hielt und den für mich zentralen Satz sagte: „Kann Literatur unpolitisch sein? Oder ist sie nicht sogar dann politisch, wenn sie versucht, nicht politisch zu sein?“

Auch Professor Lars Schmeink hielt einen phantastischen Vortrag über „Diversität, Intersektionalität und Repräsentation: Politische Dimensionen der Fantastik“, der eine hitzige Diskussion nach sich zog.

Mein ganz persönliches Highlight waren die Äußerungen von OLG-Richter Ralf Neugebauer, der sich ohne Konsultation der Rechtsschriften selten zu einer so klaren Äußerung wie dieser hinreißen lassen konnte: „Darf man das N-Wort noch sagen?“ – Ralf Neugebauer: „Ja, darf man, aber dann muss man damit rechnen, dass man als das rassistische Arschloch bezeichnet wird, das man dann offensichtlich ist.“

Besonders gefallen aber hat mir, wie auf den Branchentreffen die Phantastik-Familie immer weiter zusammenrückt, neue Menschen hinzukommen und willkommen geheißen werden.

Ich danke den vielen Helferinen und Helfern, angeführt von unserer Schatzmeisterin Fabienne Siegmund, die unermüdlich mit angepackt haben. Ohne euch – und das ist keine Floskel – gäbe es das Branchentreffen nicht. Denn PAN ist mehr als nur ein Vorstand der zieht und macht, PAN ist mehr als die Summe seiner Mitglieder. PAN ist Familie.

Ich freue mich jetzt schon auf das nächste Jahr.

#pan18out

Lieblingszitate:

„Dafür ist die Phantastik ja da – dass wir Räume öffnen, die die Realität so nie bieten könnte.“ (Sebastian Pirling, @credonaut)

„Literaturverhinderer tragen meist feine Klamotten und reden den ganzen Tag darüber, wie toll sie Literatur finden.“ (Klaus Frick, @enpunkt )

Die Mutter der erwachsenen Phantastik ist tot

Ein Nachruf  auf Ursula K. Le Guin

Ursula K Le GuinIhr erstes Buch, in dem Fantasy und Science Fiction verschmelzen, veröffentlichte Ursula K. Le Guin 1966. Schon in den siebziger Jahren galt sie als eine der Größen der amerikanischen Phantastik. Sie gewann zu Lebzeiten Dutzende Preise und Lifetime-Awards; unter anderem wurde sie im April 2000 von der amerikanischen Library of Congress zur Lebenden Legende im Bereich Kunst und Literatur erhoben. Am 22. Januar 2018 starb Ursula K. Le Guin und hinterlässt ein reiches phantastisches Erbe.

Mir begegnete Ursula K. Le Guin zum ersten Mal durch ihren Erdsee-Zyklus. Diese spannende, düstere und sehr charaktergetriebene Fantasy hob sich erfrischend von den anderen erfolgreichen Epen dieser Zeit ab. Die Welten, in denen Ursula K. Le Guins Geschichten spielten, waren nicht nur phantastisch, sie waren auch glaubhaft.

Natürlich kamen wie nach den Genre-Konventionen üblich, Drachen, Raumstationen, Zauberei oder düstere Götterkulte in ihren Büchern vor. Doch die Figuren bleiben nicht schablonenhaft. Kein Macho-Gehabe prägt die Protagonisten, Frauen sind ebenso wichtig und tief angelegt wie die Männer. Ihr Buch „The Left Hand of Darkness“, das auf einem Planeten spielt, auf dem das Geschlecht der Bewohner nicht festgelegt ist, gewann sowohl den Hugo- wie auch den Nebula-Award. Diese beiden Preise erhielt sie hier zum ersten, aber nicht zum letzten Mal.

Wo sonst Volkszugehörigkeiten an den Haarfarben abgelesen werden konnten und ganze Rassen dem Bösen verfallen waren, erfand sie Universen, in denen Geschlecht oder Hautfarbe nebensächlich und – vor allem – gemischt war. Diese feministische und antirassistische Haltung zieht sich durch Le Guins ganzes Werk.

Bücher sind nicht nur Verbrauchsgüter“, sagte sie bei der Verleihung des National Book Awards. „Uns erwarten harte Zeiten, in denen wir uns nach den Stimmen von Autorinnen und Autoren sehnen werden, die Alternativen zu unserer jetzigen Lebensweise aufzeigen können. Die unsere angstgeleitete Gesellschaft und ihre obsessiven Technologien durchschauen und neue und wahre Gründe für Hoffnung finden können.“

Phantastik hatte für Le Guin immer auch eine gesellschaftliche und politische Verantwortung. Für sie bedeutete Autorenschaft einzustehen für Offenheit, Toleranz und Freiheit. „Gerade jetzt benötigen wir Autorinnen und Autoren, die den Unterschied zwischen der Produktion eines Verkaufsguts und dem Ausüben einer Kunst erkennen“, sagte sie bei der Preisverleihung. Nie waren ihre Worte wahrer als jetzt.

Ursula, deine Stimme wird vermisst werden.

Es ist an der jetzigen Generationen von Autorinnen und Autoren der Phantastik, in ihre Fußstapfen zu treten, unsere Gesellschaft zu hinterfragen und Visionen einer besseren Zukunft zu entwerfen.

Ein Jahr PAN e.V. – einhundert Mitglieder im Phantastik-Autoren-Netzwerk!

pan_logoAm 15. November 2015 fanden sich in einem Hinterzimmer der Gaststätte Herbrands in Köln 15 einsame Autoren zusammen, um einen Verein der Phantastik-Autoren zu gründen. Was damals noch wie ein kühner, undenkbarer Traum wirkte, ist heute Realität.

PAN hat sich in dem einen Jahr versechskommasechssechsfacht (in Zahlen: x6,66). Und wer ist Schuld daran? Die einhundert Phantasten natürlich, die „ja“ gesagt haben und sich auf dieses aufregende, ja phantastische Abenteuer einließen!

Was haben wir in diesem ersten Jahr miteinander erreicht?

Der erste Geburtstag

Der Phantastik eine Stimme geben

PAN hat gerade seinen einhundertsten (in Zahlen: 100!) Mitgliedsantrag erhalten! Der Wortmagier der deutschen Fantasy, Christian von Aster, ist unser Mitglied 100!

Jahr 1 war dem Aufbau der Vereinsstrukturen gewidmet. Das hat im ersten Halbjahr naturgemäß viel Energie gebunden. Wir dachten bei der Gründung, dass wir gut wären, wenn wir bis Jahresende 2016 vielleicht 70 Mitglieder hätten. Dieses Ziel haben wir sogar übertroffen, mit einhundert Mitgliedern sind wir nun kein ganz kleiner Verein mehr und größer, als wir uns nach einem Jahr zu träumen gewagt hatten. Damit erhält die Phantastik eine zusätzliche, starke Stimme von Autorenseite, der auch Gehör geschenkt wird!

Und mich freut besonders, dass der einhundertste Mitgliedsantrag ausgerechnet von Christian von Aster stammt, dem Wortmagier der deutschen Fantasy. Wenn jemand in seinen Werken aufzeigt, dass deutsche Phantastik Humor, Eleganz, Kreativität und literarische Qualität vereinen kann, dann er.

PAN-Branchentreffen

Das erste Branchentreffen im April war ein großes Vorhaben. Doch die Branche (von Autoren über Verlage, Übersetzer, Agenten und Presse) hat das Ereignis mitgetragen und zu dem gemacht, was es dann schließlich geworden ist – ein voller Erfolg. Der PAN-Vorstand arbeitet daran, dieses Treffen in den nächsten Jahren zu einem festen und schönen Bestandteil des Literaturjahres zu machen.

PAL – die Phantastik-Autoren-Lounge

Der Offene Brief von PAN (mit Presse-Echo im Börsenblatt) hat dazu geführt, dass die Leipziger Buchmesse und die WerkZeugs Kreativ KG noch einmal Gespräche über die Phantastik-Autoren-Lounge auf der Leipziger Buchmesse aufgenommen haben. Zwar hat dies nicht zu dem erhofften Ziel geführt (WerkZeugs auf der LBM), aber alle drei Parteien haben in gemeinsamem Einvernehmen entschlossen, dass PAN diese Lounge weiterführt.

NAR – das Netzwerk Autorenrechte

PAN war Mitinitiator und Mitgründer des Netzwerks Autorenrechte. Der PAN-Vorstand verspricht sich davon eine bessere Absprachemöglichkeit mit den anderen Autorenvereinen und -verbänden sowie ein geschlossenes Auftreten gegenüber Politik und Wirtschaft. Die ersten Schritte auf diesem langen Weg wurden 2016 getan – nun müssen wir sehen, wohin der Weg 2017 führt. In der Politik warten viele Themen auf uns – angefangen mit den Plattformen und Intermediären, die die Lizenzen von Autoren im Netz nutzen.

A propos 2017

Neben dem Branchentreffen für 2017 in Berlin plant der Vorstand gerade die Phantastik-Autoren-Lounge auf der Leipziger Buchmesse. 2017 wollen wir endlich die Nachwuchsförderung angehen, die wir uns schon so lange wünschen. Außerdem unterziehen wir die Aufnahmebedingungen für die Mitgliedschaft einer genauen Prüfung. PAN wird also auch im Jahr 2017 einige Asse im Ärmel haben.

Ich verbleibe mit einem fröhlichen „Happy Birthday!“ und ganz herzlichen Grüßen – ich freue mich auf die nächsten PAN-Jahre!

100plus1

Mein Bekenntnis zum Buch: #buchpassion

Unter dem Hashtag #buchpassion  veranstaltet die Bloggerin Janine von kapri-ziös die Edition: Mein Bekenntnis zum Buch. Vom 09.-11.9.2016 drehen sich alle Fragen rund ums Buch. Welche Bücher liegen uns besonders am Herzen? Warum lesen wir? Wie sähe eine Welt ohne Bücher aus? Oder aus der Sicht von uns Autorinnen und Autoren: Warum schreiben wir so gern Geschichten?

Ich habe mich entschlossen, die drei Bücher vorzustellen, die mich die Liebe zu Büchern gelehrt haben und die mich in die Richtung meines Lieblingsgenres, der Phantastik, geleitet haben. Nach Pitje Puck dem fleißigen Briefträger natürlich, der stets einen Platz in meinem Kinderherzen haben wird.

Genauer gesagt möchte ich erläutern, warum ich drei Bücher so sehr liebe.

1. Der Herr der Ringe

Inzwischen ist dieser Klassiker der Fantasy-Literatur für viele eine Selbstverständlichkeit. Doch das Buch, das Tolkien damals in den Fünfziger Jahren des Zwanzigsten Jahrhunderts publizierte, gelang erst durch Peter Jackson der Durchbruch in den Mainstream.

Als ich den Herrn der Ringe las, galt er noch als Geheimtipp, den nur „die komischen Kinder“ gelesen haben. Überhaupt lasen nur komische Kinder Bücher, aber das ist eine andere Geschichte.

Was mich an Tolkiens Werk damals begeisterte, ist eigentlich kein Kompliment: Seine Figuren gleichen bis auf wenige Ausnahmen eher den Hauptfiguren eines mittelalterlichen Epos ohne „Heldenreise“. Gandalf, Aragorn, Faramir, Frodo – sie alle scheinen eher Facetten derselben Figur zu sein, die nur mit wenigen Eigenschaften ausgestattet sind, die sie voneinander differenzieren. Allein Boromir, Sam und Frodo verändern sich im Innern auf ihrer Reise tatsächlich, die anderen bleiben, wie sie sind.

Was ich am Herr der Ringe immer noch liebe: Die wundervolle Sprache, die Tolkien benutzt (und ich meine nicht die Gedichte), die Art und Weise, wie bei ihm das gesamte Land lebt und atmet (wie oft liest man von „der Schulter“, „dem Runzeln“ oder „dem Fuß“ der Berge, „dem Schoß“ eines Flusses.

Und abschließend reizt mich natürlich der Kampf Gut gegen Böse, die Bemühungen des kleinsten möglichen Helden gegen die schlimmste, größte Übermacht. Die Zeichen stehen so schlecht für Frodo, der Kampf ist so überwältigend, das Problem so groß, dass man jeden Schritt des Weges mit ihm bangt und ihn an allen Ecken scheitern sieht. Dass er schlussendlich nach all diesen Prüfungen gewinnt, lässt meine Seele jubeln.

2. Die Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull

Thomas Mann begann das erste Buch vom „Krull“ als Frühwerk, schrieb aber bis kurz vor seinem Tod stets weitere Bände als Fortsetzung. Man kann die Entwicklung des Autors den Büchern des „Krull“ ablesen, und diese Entwicklung ist nicht immer zum Besten des Buches: Die ersten, sehr spielerischen Bände werden weiter hinten von einem beinahe unleserlichen philosophischen Teil abgelöst, der jegliche Verspieltheit verloren hat und den nachdenklichen, gealterten Mann zeigt.

Trotzdem ist der niemals alternde, stets gleich bleibende und sehr humorige Felix eine meiner Lieblingsfiguren der Literatur. Eigentlich schrieb Mann einen Schelmenroman, denn der Erzähler, Felix Krull selbst, bindet dem Leser von der ersten Seite so doppeldeutig schlecht verschleierte Lügen auf, dass man ihn einfach lieben muss.

Auch wenn der erste Satz des „Krull“ die erste halbe Seite füllt und nicht für jedermann leicht zu lesen ist, brilliert Mann hier durch einen wundervoll geschliffenen Sprachstil.

Felix verändert sich durch das gesamte Buch hindurch nicht wirklich, er lernt nicht dazu, wird nicht weiser. Und wenn er es täte, würde ich weinen, ist er doch eine so schöne, reine und unschuldige Betrügerseele.

3. Bram Stoker’s Dracula

Die Mutter aller Vampirromane überrascht beim Lesen, denn wenn man von den vielen Nackenbeißer-Verfilmungen unter dem Titel „Dracula“ auf die Buchvorlage schließen möchte, geht man fehl. Bram Stoker’s Dracula ist ein Briefroman, genauer gesagt ein Memorandenroman. Dem Leser erschließt sich die Handlung ausschließlich durch die Briefe und Tagebucheinträge der handelnden Figuren, Zeitungsartikel und Notizen – fantastisch.

Die Dramatik ist, dass dadurch alle Figuren des Buches nur einen Ausschnitt der Geschehnisse kennen. Die Fäden laufen allein in der Hand des Lesers zusammen – und der leidet unter seiner Ohnmacht, nicht eingreifen zu können.

Die Helden verlieren durch den Verlauf der Handlung viel, doch sie gewinnen auch. Mich hat der Roman immer dadurch beeindruckt, wie treu die Helden zueinander stehen und was sie bereit sind zu opfern, um nach dem Verlust von Lucy zu verhindern, dass auch Mina an den Feind verloren geht.

 

Damit kennen Sie mein Bekenntnis zum Buch. Ich bedanke mich bei Janine von kapri-ziös dafür, dass sie zu dieser wundervollen Aktion angeregt hat.

Und was ist Ihr Bekenntnis zum Buch?

 

#buchpassion – Edition: Mein Bekenntnis zum Buch 9.-11.9.2016

https://twitter.com/search?q=buchpassion&src=typd

https://www.facebook.com/kaprizioes/posts/981122728680694

Aus der Schreibstube: Hilfreiche Tipps zum Prokrastinieren

In meinem letzten Blogbeitrag bin ich generell darauf eingegangen, dass Prokrastinieren nicht immer eine Katastrophe sein muss, sondern im Gegenteil ein normaler Teil des Schreibprozesses eines kreativen Berufs sein kann. Daher möchte ich hier die positiven Seiten der Prokrastination vorführen:

Prokrastiniere, um glücklicher zu sein!

Während ich mich früher an den Schreibtisch gezwungen und dort festgekettet habe, um mein Tagespensum an Manuskriptseiten fertigzuschreiben, verleihen nun Dinge, die mich glücklich machen, dem Tag eine viel spielerischere Note. Und da man dabei vielleicht sogar praktische Dinge tut (manche Menschen soll es ja glücklich machen, die Wäsche zu bügeln …) hat man sogar einen verstärkten Eindruck davon, an diesem Tag etwas erreicht zu haben.

Ich habe gerade die Selbststrukturierung via Bullet Journal für mich entdeckt und bin nach wenigen Tagen (wie in diesem Blogbeitrag beschrieben) süchtig nach dem Format. Einer meiner Selbstmotivationspunkte, den ich darüber für mich entdeckte, war: „mach auch Dinge, die dich glücklich machen“. Diese Dinge sind für mich ein, zwei Kapitel in einem guten Buch zu lesen, mir einen neuen Zierstich zum mittelalterlichen Sticken anzueignen, einen Blogbeitrag wie diesen zu schreiben oder mit einem frisch gebrühten Cappuccino auf dem Balkon sitzen und mein Journal zu pflegen.

Prokrastiniere mit Hausarbeit!

Früher habe ich diese Aufgaben aus dem Pflichtbewusstsein – „Du musst doch schreiben, und ein Bankangestellter räumt auch nicht mal eben die Wäsche in den Schrank!“ – zu meinem Beruf in den Abend geschoben.

Und nein, Aufräumen macht mich nicht glücklich. Aber die Wäsche anzusetzen oder aufzuhängen, in der Küche die Spülmaschine umzuräumen, ein paar Dinge im Wohnzimmer wegzusortieren oder mal ein Zimmer zu saugen wird bei mir inzwischen per Task in mein Bullet Journal eingeplant. Warum?

  • Jede Arbeit, auch kleinere Hausarbeiten, bringen mich morgens in Schwung. Schwung macht gute Laune und trägt mich in so komplexe Dinge wie die Ablage, die Steuererklärung oder das Schreiben.
  • Schreiben ist eine hochgradig theoretische, ja verkopfte Tätigkeit, von der man manchmal eine Pause benötigt. Für mich habe ich festgestellt, dass sich beim Aufräumen auch Dinge in meinem Kopf „klären“, als würde der äußere Prozess im Inneren widergespiegelt. Die besten Ideen kommen einem kreativen Hirn oft dann, wenn man eben nicht versucht, sie zu erzwingen.
  • All diese Tätigkeiten warten nicht mehr abends nach getaner Arbeit auf mich! \o/
  • Die Wohnung „macht sich von selbst“. An einem aufgeräumten Schreibtisch zum Beispiel schreibe ich deutlich besser, als wenn mich ständig die Überweisung für die GEZ oder die Steuererklärung ablenken.
  • Ich habe am Ende des Tages nicht nur eventuell den Inhalt eines digitalen Kapitels nicht-haptisch in einen Rechner gehackt, sondern mir Erfolgserlebnisse erarbeitet, die man sehen und anfassen kann.

Prokrastiniere mit Familie!

Manche Autoren haben Kinder, andere „nur“ eine/n Partner/in, aber in jedem Fall tendiert man als Autor in einer heißen Schreibphase dazu, alles um sich herum zu vergessen. Wenn man aber abends spontan einen Cocktail trinkt oder zusammen schnell das Kinderzimmer aufräumt, hat man einerseits Zeit mit der Familie verbracht und seinem kreativen Hirn die Gelegenheit gegeben, mal aus dem Thema zu kommen und z.B. das letzte Kapitel von einer anderen Perspektive zu betrachten. Und im Zweifel macht ja auch Familie glücklich, nicht wahr?

Prokrastiniere ohne schlechtes Gewissen!

Dieser Punkt ist vielleicht sogar der wichtigste. Was habe ich mich unwohl gefühlt, wenn mich die „Prokrastination“ (bestehend aus Aufräumen, Kochen, Sport machen, Kaffee trinken, Freunde treffen) vom Arbeiten abgehalten hat. Was ich immer unterschätzt habe ist, wie sehr man exakt diese Tätigkeiten im Leben als von zuhause arbeitender Soloselbständiger benötigt. Austausch mit Menschen. Pausen im Schreibfluss, um seine Inhalte reflektieren zu können. Stressabbau durch Sport … Niemand kann immer nur Arbeiten, und die Arbeit von zuhause ist eine der schwierigsten Jobsituationen, die man sich aussuchen kann.

Abschließend möchte ich in diesem Sinne alle Autoren, die wie ich dazu tendieren, beim Schreiben „dicht“ zu machen und versuchen, sich nicht ablenken zu lassen, zum Umdenken motivieren. Macht das exakte Gegenteil. Lasst euch ablenken! Habt mehr Freude beim Schreiballtag und auch zu Hause ein gesundes Gleichgewicht zwischen Arbeit und Freizeit. Nichts wird euch so sehr beim Schreiben helfen wie nicht zu schreiben und glücklicher dabei zu sein.

Aus der Schreibstube: Mehr Prokrastination, bitte!

Die letzten Wochen habe ich Blogbeiträge zum Thema Selbst- und Projektmanagement für Autoren geschrieben. Zu diesem Themenfeld gehört auch das Prokrastinieren (von to procrastinate).

Prokrastination – aus dem Neudeutschen grob übersetzt als Aufschieberitis – wird unter Autoren in den letzten Jahren kritisch diskutiert. Wir alle kennen das Phänomen. Man muss oder will schreiben, um das Tagespensum zu erreichen, oder weil der Abgabetermin bei der Lektorin drängt, und doch haben wir nichts anderes zu tun als … das Bad zu putzen. Wäsche aufzuhängen. Ganz dringend die Recherche zur Archäologie mittelalterlicher Straßenbeläge zwischenzuschieben. Bei letzterem bleibt man dann hängen an Facebbook, Twitter und co und vertrödelt manchmal Stunden. Das erhöht wiederum den Schreibdruck und, wie bei einem Dominospiel, in dem sich die Steinchen nacheinander auslösen, auch den Drang zum Prokrastinieren am Folgetag.

Prokrastination ist der moderne Begriff für Faulheit, Vermeidungsstrategien, die Unfähigkeit, professionell zu arbeiten. Gleichzeitig spricht man in Büroberufen immer mehr von der Wichtigkeit der „Work-Life-Balance“. Meine Theorie ist, dass Prokrastination für die Soloselbständigen von zuhause eben diese Work-Life-Balance herstellt, wenn man sie zulässt.

In den Tagesablauf eingeplante Prokrastination motiviert mich sogar zum Arbeiten.

Der Hintergrund? Selbständige in kreativen Berufen lassen sich nicht auf dieselbe Art zum Arbeiten motivieren wie Menschen, die weniger kreative Tätigkeiten ausüben. Nächste Woche gebe ich in einem neuen Bloggbeitrag hilfreiche Prokrastinations-Tips.

Natürlich ist diese Methode vielleicht nicht die richtige, wenn man ein krankhaftes Vermeidungsproblem hat. In diesem Fall empfehle ich den Gang zum Psychotherapeuten, denn dann hat man nicht nur ein Arbeitsproblem, dann gehen die Ursachen vermutlich tiefer.

Nächste Woche gibt es hilfreiche Prokrastinations-Tipps!

Aus der Schreibstube: Break it Down!

Aufgabe-Problem Nach der Grobplanung im Blogbeitrag der letzten Woche kommen wir zur Feinplanung. Dafür lohnt es sich zu hinterfragen, was eine Aufgabe denn nun genau ist. Ein Kapitel fertigschreiben? Das Exposé abschließen? Ein Thema recherchieren? Ein Kapitel lektorieren? Die Antwort ist ja und nein.

Eine Aufgabe ist exakt so groß, dass sie DICH zum Beenden selbiger motiviert. Wenn du in deinen Kalender schaust und schon ein flaues Gefühl im Magen bekommst, weil „Kapitel 15 schreiben“ für heute eingeplant ist, dann ist die Aufgabe zu groß, oder du hast zu wenig Zeit dafür eingeplant. Besonders bei ungeliebten Themen (Steuererklärung, anyone?) schreibe ich inzwischen „Steuererklärung anfangen“ und notiere mir noch zusätzlich Einzelschritte wie „Übertrag EÜR in Einkommenssteuer“, „Fehlende Belege identifizieren“, „Fehlende Belege kompilieren“, „Fehlende Belege eintragen“.

Keine Aufgabe sollte mehrere Wochen Zeit kosten; im Gegenteil, sie sollten auf verdaubare Größen heruntergebrochen werden. Meine Aufgaben sind im besten Fall schnell zu machen, dauern nur wenige Stunden; allerhöchstens zwei bis drei Tage.

Das hiflt mir auf zwei Arten und Weisen: ich entwickle beim „Break Down“ eine klarere Vorstellung von dem, was ich bei dem Projekt „Steuererklärung“ zu tun habe, ich habe eine wirklich detaillierte To-Do-Liste, bei der ich mir selbst mit vielen Kreuzchen vermitteln kann, dass ich einen Fortschritt erziele, und ich habe immer eine klare Vorstellung davon, was noch oder als nächstes zu tun ist.

Letzteres ist besonders bei einem großen Romanprojekt von großer Wichtigkeit. Denn wenn ich eine klare Vorstellung davon habe, was als nächstes gemacht werden muss, dann trägt mich das schon über so manche Lustlosigkeit hinweg und vermeidet langfristig Schreibblockaden. (Ja, Schreiben ist nicht immer nur toll. Nun ist es raus.)

Einen Break Down, insgesamt einen Projektplan herzustellen, ist natürlich nur möglich, wenn man das Schreiben überhaupt plant. Das tun nicht alle, besonders Bauchschreiber tun sich damit schwer. Mir hilft ein Plan beim Fertigschreiben und beim Überblickbehalten.

In meinem Blogbeitrag der nächsten Woche gehe ich auf des Autors größten Feind, die Prokrastination ein!

Man liest sich!

Aus der Schreibstube: Know Thyself!

Fahrplan

Warum Selbst- und Projektmanagement auf für Autoren wichtig ist und worum es sich dabei handelt habe ich in vorhergehenden Blogbeiträgen beschrieben.

Dabei ist das Herunterbrechen von großen Projekten auf einzelne Ziele und Aufgaben für mich das a und o zum Erreichen eines Ziels. Ein Roman dauert mehrere Monate – manche Autoren schreiben an ihrem Erstling sogar Jahre.

Um nicht sehr schnell in das Gefühl der Überwältigung oder Überforderung zu rutschen – „das schaff ich nie!“ – hilft es, sich im Voraus einen Plan zu machen. Dazu ist es nötig, sich zu vergegenwärtigen, wie lange man selbst benötigt, um bestimmte Dinge fertigzustellen, und das große Ganze dann auf Einzelschritte herunterzubrechen. Das nennt man in Neudeutsch „Break Down“.

  • Wie lange schreibe ich an einer Seite? Wie lange an zehn? (Wochen- oder Monatsmittel!)
  • Wie viel Zeit benötige ich zum Konzipieren einer Geschichte, eines Kapitels?
  • Wie viel Zeit kosten Überarbeitungen?
  • Wie lange dauert es, ein geschriebenes Kapitel zu lektorieren?
  • Wie lange beantworte ich Emails (am Tag? In der Woche?)
  • Wie oft und lange recherchiere ich Themen?
  • Verwaltungskram, Verträge, Telefonate mit Lektoren – wie viel Zeit benötigen die?

Man sieht schnell, dass nicht nur das Schreiben selbst zum Alltag eines Autors, einer Autorin gehört. Trotzdem müssen all diese Aufgaben gemacht werden – und dann sollten sie zumindest grob bedacht, wenn nicht eingeplant sein.

Der Fahrplan, oder: die Grobplanung

Wenn man weiß, wie lange man zum Konzipieren, zum Recherchieren und zum Schreiben braucht, kann man einen groben Plan erstellen, wie lange man wohl für die Fertigstellung des Projektes „Roman“ benötigen wird.

Dabei kann man natürlich nur die zur Verfügung stehende Zeit einplanen. Wenn ich also halbtags bei Aldi an der Kasse arbeite, dauert alles doppelt so lang, als wenn ich mit acht-Stunden-Tagen rechnen könnte.

Ich empfehle unbedingt, mindestens zwei bis drei Wochen für die Überarbeitung oder das eigene Endlektorat einzuplanen, und eventuell noch einmal so viel Zeit für Korrekturen und Änderungen, wenn der Text aus dem Verlagslektorat zurückläuft. Auch die Durchsicht der Druckfahnen wird oft vergessen – das kostet je nach Verlag auch mehrere Tage.

Fehlertoleranz

Wenn man die oben errechnete Grobplanung erstellt hat, sollte man auf die errechnete Summe flugs einfach mal 30% zusätzlich addieren. Ja, Dinge dauern länger als geplant. Nein, man kann nicht immer auf Knopfdruck kreativ sein. Ja, Telefonate mit Lektoren, spontan eingeschobene Kapitelumstellungen, Fehlerkorrekturen oder einfach nur das Abheften von Steuerbelegen kosten Zeit; Zeit, die man im Vorhinein meist völlig unterschätzt.

Trust me, I’m a writer.

Zu der Fragestellung, was eine Feinplanung eigentlich ist und wie man einen Break-Down macht, kommen wir im nächsten Blogpost.

Aus der Schreibstube: Projekt- und Selbstmanagement

Magisches Dreieck der ProjektsteuerungIn den letzten Wochen habe ich in meinem Blog über Selbstmanagement und Projekte geschrieben. Warum eigentlich?

Projektmanagement wurde für Gruppen entworfen, um bei der Arbeit in einem Team den Überblick zu behalten. „Wer macht wann was?“ ist die Frage, die Projektmanager ständig bewegt, und „wie lange dauert was?“.

Für Soloselbständige ist eher das Thema Selbstmanagement wichtig. Möchte man langfristig produktiv bleiben, empfehle ich, seinem Arbeitsalltag eine Struktur zu geben, um das wabernde „was ich diese Woche eigentlich alles erledigen müsste“-Gefühl zu begegnen.

Was für Bedingungen muss – für mich – eine Methode besitzen, um dauerhaft handhabbar zu bleiben?

  • Sie muss einfach sein
  • Sie gibt mir Übersicht über ein Projekt
  • Sie muss Übersicht über die Aufgaben herstellen
  • Sie muss die Aufgaben zeitlich abbilden
  • Sie muss Spaß machen! (Ja, ich weiß …)

Selbstmanagement

Auf der anderen Seite hat Selbstmanagement zum Ziel, seinen Arbeitsalltag bewusst zu gestalten. Meist werden dazu Systeme mit putzigen Akronymen vorgeschlagen. Insgesamt handelt es sich dabei meist um eine Abbildung von

  • Planung
  • Organisation
  • Motivation
  • Zielsetzung.

Dabei zielt Selbstmanagement an,

  • sich selbst besser zu organisieren (liegt nah, nicht wahr?),
  • sich bereits morgens einen guten Überblick über das Tagespensum zu verschaffen,
  • seine Aufgaben im Vorhinein zu planen,
  • die Aufgaben zu priorisieren
  • und über den Tag (und im Zweifel Wochen, Monate) motiviert zu bleiben

Besonders letzteres ist bei langfristigen Arbeiten, die man größtenteils allein durchführt, besonders wichtig. Wenn man über sechs Monate an einem Großprojekt sitzt und sich mit wenigen Leuten darüber wirklich intensiv austauschen kann, ist Motivation ein Thema.

Die Voraussetzung dafür ist, dass man sich selbst und den Zeitaufwand seiner Aufgaben einschätzen kann. Dazu mehr im Blogeintrag der nächsten Woche.